Mit Delikatesse und Bravour

Kultur / 08.08.2021 • 21:04 Uhr
Wiener Symphoniker unter Omer Meir Wellber mit dem Oboisten Ramòn Ortega Quero. BF/Mathis
Wiener Symphoniker unter Omer Meir Wellber mit dem Oboisten Ramòn Ortega Quero. BF/Mathis

Mit dem 3. Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker wurde der Start der Bregenzer Festspiele thematisiert.

Bregenz Es gibt im Deutschen keinen Ausdruck für das Wohlgefühl, das Trommelfelle empfinden, wenn sie nach langer Abstinenz endlich wieder mit natürlichen Instrumenten erzeugte Musik hören dürfen. Die gestrige Orchestermatinee der Wiener Symphoniker vermittelte dieses Gefühl (vielleicht trommig?) in hohem Maße und auf sehr unterschiedliche Weise.

Vor der Pause wurden zwei Kompositionen gespielt, die im Gründungsjahr der Bregenzer Festspiele 1946 uraufgeführt wurden und die unterschiedlicher nicht sein könnten: Wie aus dem Nichts stieg zu Beginn von den sordinierten Streichern ein meditatives Klangband auf, über das sich vom Rang aus Interventionen von Trompete und vier Flöten legten. Charles Ives‘ kurzes Stück „The Unanswered Question“, dessen Anfänge auf das Jahr 1906 zurückgehen, schafft eine schwebende, geheimnisvolle Atmosphäre, wirkt noch heute modern und zwingt zu differenziertem Hören. 1946 war das Zukunftsmusik, während das Oboenkonzert von Richard Strauss sich stilistisch ganz der Vergangenheit zuwendet. Der Komponist brachte übrigens im Winter 1945 eine Reihe von handschriftlichen Partituren, darunter die Opern „Salome“ und „Elektra“, aus Garmisch zur Familie des mit ihm befreundeten Fabrikanten Arthur Hämmerle nach Dornbirn, wo sie bis zum 9. Oktober 1945 blieben. In dieser Zeit komponierte der 81-Jährige sein hochvirtuoses Oboenkonzert.

Die Oboe ist fast ununterbrochen im Einsatz, in einem feingliedrigen Melodiengeflecht mit dem klein besetzten Orchester verwoben, manchmal mit kantablen Linien, die sich in die Höhe aufschwingen, meist aber filigran ziseliert. Ramòn Ortega Quero, Solo-Oboist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, scheint die Gabe des ewigen Atems zu besitzen und meisterte seinen Part mit Delikatesse und Bravour. Das Publikum erhielt als Dank für seinen Jubel die Bourrée anglaise aus Bachs Partita für Flöte solo.

Wie ein Teil des Orchesters

Wenn der international tätige Dirigent Omer Meir Wellber in diesem ersten Teil souverän seine Fähigkeiten zur kammermusikalischen Leitung zeigte, so kam nach der Pause mit Bruckners Sechster eine Herausforderung ganz anderer Art auf ihn zu. Wellber ist das Gegenteil des Taktstockdiktators im Frack: Er dirigiert mit manchmal sparsamen, manchmal weitausholenden, immer aber sehr harmonischen und fließenden Gesten und wirkt fast wie ein Teil des Orchesters. Die Interpretation der Sechsten geriet von Anfang an hinreißend, mit feiner Differenziertheit und Wucht gleichermaßen, aber nie dick, den Aufbau des Werkes mit all seinen rhythmischen Kontrasten und Schroffheiten hörbar machend und dennoch organisch. Der eigentlich deplazierte Applaus nach dem ersten Satz entstand einfach aus Begeisterung, der zweite Satz war schlicht unfassbar schön, im kontrastreichen Scherzo fielen die makellosen Hörner auf, das hochdramatische Finale riss wiederum zu begeistertem Applaus hin. Der Dirigent musste das Publikum durch Abwinken zum Schweigen bringen und schloss mit dem Satz: „Basta Corona!“             

Festspielkonzert mit dem Symphonieorchester Vorarlberg unter Leo McFall, 22. August,
11 Uhr: Beethoven, Haydn, Larcher.