Die Frage, wer über Ethik und Moral bestimmt

Kultur / 09.01.2022 • 20:04 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Sandra Selimovic und Sophie von Kessel in „Die Ärztin“. ruiz-Cruz
Sandra Selimovic und Sophie von Kessel in „Die Ärztin“. ruiz-Cruz

Das Burgtheater bezieht sich mit „Die Ärztin“ auf Schnitzler und Aktuelles.

Wien Der britische Regisseur Robert Icke setzt in seiner Schnitzler-Überschreibung „Die Ärztin“ vor allem auf das Thema Identität und Zuschreibung in einer Welt, in der nicht nur Religion, sondern auch Hautfarbe, Geschlecht und soziale Zugehörigkeit für alle Beteiligten ein glattes Parkett darstellen. Frei nach „Professor Bernhardi“ hat Icke einen Abend geschaffen, der Jubel auslöste. Dennoch leidet die Inszenierung, in deren Mittelpunkt mit Sophie von Kessel als Professor Ruth Wolff eine starke weibliche Figur steht, an zu viel Tempo, das die feinen Nuancen in den Dialogen oft niederwalzt. Das 1912 uraufgeführte Werk von Schnitzler wurde auf jenen Kern reduziert, um den es ihm geht: Diversität, Identitätspolitik und toxische Öffentlichkeitsdiskurse. Icke bricht die Schnitzler‘sche Herrenrunde nicht nur durch den Fokus auf eine weibliche Hauptfigur auf, die sich im immer noch männlich dominierten Feld der Spitzenmedizin doppelt zu bewähren versucht, sondern setzt durchgehend auf Cross-Besetzungen. Wer hier weiß ist oder schwarz, männlich oder weiblich, kommt meistens dann an die Oberfläche, wenn es um die Verteidigung oder Ablehnung von Gruppenzugehörigkeiten geht. Auch ein Seitenhieb auf die aktuelle Situation gibt es, wenn festgehalten wird: „Menschen, die lieber sterben würden, als technischen Fortschritt anzunehmen – Menschen, die sich vor jeder neuen Idee fürchten, worauf ich nur sagen kann: ‚Sterbt ruhig, wenn ihr wollt, aber meine Kinder werden geimpft‘“.

Sandra Selimovic und Sophie von Kessel in „Die Ärztin“. ruiz-Cruz
Sandra Selimovic und Sophie von Kessel in „Die Ärztin“. ruiz-Cruz

Weitere Aufführungen von „Die Ärztin“ von Robert Icke am Wiener Burgtheater ab 11. Jänner: www.burgtheater.at

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