Zwei starke Frauen und was die Kosmos-Premiere noch interessant macht

Kultur / 14.01.2022 • 16:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zwei starke Frauen und was die Kosmos-Premiere noch interessant macht
Johanna Tomek und Nicola Trub in “Limbus” von Florentina Hofbauer im Theater Kosmos. VN/Paulitsch

Florentina Hofbauer wählte mit “Limbus” einen hochinteressanten Zugang zu einem Thema, der trotz schwächelnder Umsetzung berührt.

Bregenz Um die jüngste Uraufführung im Theater Kosmos einordnen zu können, muss man die Vorgeschichte kennen. Vor mehr als zwei Jahren luden Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg, die beiden Leiter des Vorarlberger Kulturunternehmens, zu einem Dramenwettbewerb unter dem Motto “Wer Gewalt sät”. Unter den anonymisierten Einsendungen erreichte ein Werk mit hochinteressantem Zugang zum Thema die meisten Punkte der Juroren. Die Wiener Schriftstellerin Florentina Hofbauer (geb. 1992) lässt in „Limbus“ mit Swetlana Allilujewa (1926-2011), der Tochter von Josef Stalin, und Nelly Mann (1898-1944), der Frau des Schriftstellers Heinrich Mann, zwei Frauen aufeinandertreffen, die auf unterschiedliche Art mit Gewalt in der Familie konfrontiert waren. Das private Schicksal der hier stark gezeichneten Frauen wird mit welthistorischen Ereignissen verwoben. Wer sich die Biografie der beiden vor Augen hält, der weiß, dass die eine vor einem Kommunismus floh, der zur grausamen Diktatur mutierte, und die andere wegen ihrer kommunistischen Gesinnung das andere Terrorgebiet, nämlich Nazi-Deutschland, dem Österreich angeschlossen war, verlassen musste. Dieses Themenausmaß dürfte auch dazu geführt haben, dass sich die Kosmos-Chefs für eine Aufführung auf der großen Bühne entschieden, obwohl die Stücke ursprünglich für das junge Kosmodrom gedacht waren und den Wettbewerbsbedingungen entsprachen, wenn sie eine halbe bis zu einer Stunde dauern.

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Der Titel “Limbus”, womit die Vorhölle oder der äußere Kreis der Hölle bezeichnet wird, bezieht sich auf die Lebenssituation der Frauen bzw. vor allem auf die von Swetlana Allilujewa. Als dramaturgische Überhöhung lässt er auch zu, dass sich ein Treffen in Wirklichkeit nie ausgegangen wäre. Nelly Mann, die als in armen Verhältnissen aufgewachsene, kaum gebildete Frau sehr unter dem Standesdünkel der Mann-Sippschaft mit Nobelpreisträger Thomas Mann gelitten hatte, beging 1944 Selbstmord. Im durchaus real wirkenden Setting aus rotem Plüsch entwickelt Hubert Dragaschnig als Regisseur ein Kammerstück, das vor allem den Dialog in den Fokus rückt. Florentina Hofbauer hat gut recherchiert, macht den Konflikt der Allilujewa erfahrbar, die aus der kindlichen Perspektive auch einen liebevollen Vater erlebte, dessen Grausamkeit sie aber bald zu spüren bekam. Die betonte Naivität von Nelly, aber auch deren starker Wille erzeugen einigen Esprit, während die intellektuellen Fähigkeiten unsichtbar bleiben. Um dies auszugleichen, hätte es mehr als das Absingen der Internationalen in mehreren Sprachen oder eine aufrüttelnde Komposition von Herwig Hammerl gebraucht.

Das Wesentliche

Man hing Johanna Tomek an den Lippen, die bewunderswert und Spannung erzeugend alles daransetzte, um die alternde Swetlana Allilujewa klischeefrei als mit sich ringende Persönlichkeit erscheinen zu lassen. Man verlor die berlinernde Nelly von Nicola Trub nie aus den Augen, obwohl sie der Text einigermaßen eindimensional zeichnet. Zwei starke Schauspielerinnen haben sich hier erfolgreich um zwei starke Frauen bzw. um einen Text bemüht, der sein hervorragendes Grundpotenzial nicht ganz ausschöpft, und dessen Umsetzung ebenso etwas schwächelt. Ob die moderne Spiegelung des Ablaufs an der eingezogenen Bühnendecke als Ausstattungsidee mehr gezogen hätte, als das Lampenantiquariat, auf das Ausstatterin Caro Stark und Lichtdesigner Stefan Pfeistlinger für das sich auslöschende Lebenslicht setzten, bleibt offen. Egal, am Ende behält man die beiden Frauenfiguren im Gedächtnis. Und das ist das Wesentliche.

Weitere Aufführungen von “Limbus” von Florentina Hofbauer ab 15. Jänner bis 5. Februar im Theater Kosmos in Bregenz: www.theaterkosmos.at

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