Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Zu später Denkmalschutz

Kultur / 23.01.2022 • 07:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Unter den vielen Besonderheiten, die man im vorarlberg museum finden kann, nimmt eine weiße Marmorbüste des Fabrikanten Samuel Jenny (1837–1901) eine Sonderstellung ein.

Sie wurde vom Bregenzerwälder Bildhauer Georg Feurstein erst nach dem Tod Jennys gefertigt und zeigt den Textilunternehmer und großen Privatgelehrten, der die archäologische Aufbereitung von Brigantium, also des römischen Bregenz, begann. Er legte praktisch den gesamten Ölrain frei, die größte bekannte römische Siedlung in unserem Raum, er nahm die Bestände wissenschaftlich auf und finanzierte diese Arbeiten weitgehend privat. Die Erforschung von Brigantium ist also keine neue, sondern eine schon sehr alte Sache, wenn auch neuere Ausgrabungen etwa am Leutbühel (hier steht das GWL heute auf dem römischen Hafen) oder am Abhang der Oberstadt, wo ein römisches Theater gefunden wurde, dazugekommen sind. Überall wurden die römischen Reste überbaut, obwohl das Meiste schon seit Samuel Jenny bekannt war. Auch am Ölrain wurde munter weitergebaut, inzwischen gibt es dort fast keinen freien Bauplatz mehr. Anders gesagt: Die römischen Mauern, die in Bregenz zu finden waren, sind heute fast alle überbaut oder sonstwie ruiniert, lediglich auf dem Papier der Studien nachvollziehbar. Es gab immer wieder Anläufe, römische Ausgrabungen nicht nur freizulegen, sondern sie auch zu erhalten. Doch solche Ideen fielen immer wirtschaftlichen Überlegungen zum Opfer. Und so ist von Brigantium fast nichts mehr übrig. Gerade die Villa am Steinbühel ist noch in ihren Grundmauern erhalten. Umso erstaunlicher ist ein Anlauf, den das Bundesdenkmalamt jetzt unternimmt: Alle Bereiche unter der Erdoberfläche am Ölrain sollen unter Schutz gestellt werden. Das jedenfalls will der höchste Archäologe im Denkmalamt, Bernhard Hebert. Brigantium sei die einzige Römerstadt auf österreichischem Boden, sei also von größter Bedeutung.

„Interessant, dass man beim Bundesdenkmalamt nun auf die Idee kommt, Brigantium retten zu müssen – jetzt, wo es eigentlich nichts mehr zu retten gibt.“

Interessant, dass man beim Bundesdenkmalamt nun auf die Idee kommt, Brigantium retten zu müssen – jetzt, wo es eigentlich nichts mehr zu retten gibt. Hätte man früher, nämlich schon vor vielen Jahrzehnten, gehandelt, dann könnte Bregenz eine der herausragenden römischen Ausgrabungen im Alpenraum vorweisen. Jetzt aber gibt es nur noch ganz wenige Reste, die in Wahrheit keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Wir sind also nahezu ausschließlich aufs Museum angewiesen, wo in einer Dauerausstellung das römische Bregenz im Mittelpunkt steht. Aber auch hier sehen wir nur einen kleinen Teil der Sammlung, die teilweise noch auf Samuel Jenny zurückgeht. Der größte Teil schlummert im Depot unbeachtet von der Öffentlichkeit vor sich hin.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.