Beklemmend heutige Gier nach Macht

Kultur / 30.01.2022 • 20:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Setting für das dunkle Spektrum menschlicher Verhaltensweisen liefert eine Art Pausenraum.

Das Setting für das dunkle Spektrum menschlicher Verhaltensweisen liefert eine Art Pausenraum.

Mit Shakespeares “Richard III.” bringt sich das selten selbst produzierende TaK wieder ins Gespräch.

Schaan Man hole sich ein paar hervorragende Schauspielerinnen mit jeweils bereits beeindruckendem Werdegang bzw. Portfolio, wähle einen Klassiker, der zu den Top-Favoriten der Weltliteratur zählt und kündige zudem an, Shakespeares „Richard III.“ in neuer Sichtweise zu offerieren. Lediglich die Pandemie dürfte verhindert haben, dass das Theater am Kirchplatz (TaK) unter diesen Voraussetzungen nicht rappelvoll war. Applaudiert wurde umso heftiger. Wer kam, goutierte das Motto „Er sah und siegte“, mit dem Regisseur Oliver Vorwerk die Produktion überzog, die – so scheint es laut der Ausstattung von Alexander Grüner – im Raum zwischen den Künstlergarderoben und der Bühne angesiedelt ist.

Theater im Theater war als dramaturgisches Mittel schon zu Shakespeares Zeit beliebt und dass sich die Größe dieses Dramatikers auch bei den sogenannten Königsdramen nicht an der Genauigkeit der historischen Recherche zu Richard, dem letzten König des Hauses Plantagenet, misst, sondern am Hinterfragen gesellschaftspolitischer Mechanismen und psychologischer Faktoren, liefert auch an Werktreue interessierten Regisseurinnen und Regisseuren ziemlich viel Freiheit.

Das dunkle Spektrum

Dass das dunkle Spektrum menschlicher Verhaltensweisen weit mehr berührt, verleiht dem 1592 entstandenen Drama eine Anziehungskraft, die dazu führte, dass der jetzige Burgtheaterdirektor Martin Kusej einst in der Berliner Volksbühne zwar kübelweise Theaterblut verschüttete, dabei aber auch jene nicht wirklich vertrieb, die in Abwandlung eines der finalen Richard-Sätze „Mein Königreich für ein Pferd“ hörbar angewidert „ein Königreich für einen Notausgang“ riefen oder dass Lars Eidinger den Wüstling trotz langer Laufzeit der Ostermeier-Inszenierung an der Schaubühne gar nicht oft genug spielen konnte, um die Nachfrage des Publikums zu befriedigen. Betrachtet man jüngere Abhandlungen, dann hat die Zustandsbeschreibung, die nun in Schaan zu erleben ist, den Vorzug im Vergleich zu „Richard, the Kid & the King“, eine Shakespeare-Adaptierung von Karin Henkel im letzten Sommer bei den Salzburger Festspielen, für die Lina Beckmann mit einem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurde. Dass die ungezügelte Gier nach Macht, ungemeine Skrupellosigkeit, Berechnung und ein scharfer Verstand als ziemlich fatale Mixtur ohne Horrorszenen plausibel zu machen ist, beweist Sylvana Schneider in wesentlich perfiderer und daher auch interessanterer Gangart. Ihr Richard wirkt sympathisch und steht damit nicht für eine Gefahr, die von Psychopathen ausgeht oder vor allem in absolutistischen Strukturen keine Eindämmung erfährt, seine Ausstrahlung hat dieses Unheimliche, Unberuhigende, das unter die Haut geht. Unterstützt wird diese Stück-Aura von Marie Bonnet, die einen von Pragmatismus getriebenen Buckingham zeigt, dessen Loyalität ungeheuchelt wirkt.

Nur Schauspielerinnen

Ein wenig irritierend an dieser Anordnung, in der nur Schauspielerinnen auf der Bühne stehen und dabei eine frappierende Vielschichtigkeit darlegen, die im Catesby von Stephanie Schönfeld einen Gipfel erreicht, ist es, dass gerade die Frauen des Dramas, also Lady Anne und Königin Elizabeth in der Personenführung schwächeln. Karla Sengteller dürfte mehr Potenzial haben als sie mit der hinter einem Vorhang aus langen roten Haaren hyperventilierenden Anne zeigen darf. Dass Elizabeth die Vorgänge rasch durchschaut, macht Christiani Wetter plausibel, bevor sie sich nicht nur zerstört, sondern reichlich manieriert wegducken muss. Eine ganz Palette unterschiedlicher Färbungen, die dem schön auf verschiedene Lebensbereiche umlegbaren Kräftemessen gut tut, bringt Nicole Spiekermann als Clarence, Hastings oder in Klerikerrollen ein.

Die Fusionpop-Bühnenmusik ist zwar Geschmackssache, aber erster Güte und dass die großartige Singer-Songwriterin Karin Ospelt auch Prinz Edward verkörpert, gibt dem insgesamt einnehmenden Spiel im Spiel auf dieser zum Podium werdenden Hinterbühne eine thematisch plausible Rahmung.

Mit „Richard III.“ bringt sich das nur noch selten selbst produzierende Theater am Kirchplatz wieder ins Gespräch. Die Krone des gefallenen Monarchen am Ende dieser hier entstandenen Inszenierung einfach in den Kühlschrank zu entsorgen, wird im Fürstentum Liechtenstein zudem zur besonderen Pointe.

Sylvana Schneider in der Titelrolle von Shakespeares „Richard III.“ im TaK. theater/Mess
Sylvana Schneider in der Titelrolle von Shakespeares „Richard III.“ im TaK. theater/Mess

Nächste Aufführung von „Richard III.“ im Theater am Kirchplatz in Schaan am 4. Februar, 20.09: www.tak.li

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