Verstörend und faszinierend zugleich

Kultur / 03.04.2022 • 20:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Während sich die Handlung nur schwer erschließt, sieht man in dieser Produktion von Ultima Vez zwingende Bilder einer permanenten Verwandlung. mittelberger
Während sich die Handlung nur schwer erschließt, sieht man in dieser Produktion von Ultima Vez zwingende Bilder einer permanenten Verwandlung. mittelberger

Ultima Vez mit „Hands do not touch your precious Me“ beim Bregenzer Frühling.

Bregenz Verstörend und faszinierend zugleich kann die zeitgenössische Avantgarde sein, so auch das Gastspiel der belgischen Truppe Ultima Vez mit der mystischen Choreografie „Hands do not touch your precious Me“ beim Bregenzer Frühling.

Sie ist entstanden in Zusammenarbeit des Gründers und künstlerischen Leiters Wim Vandekeybus mit dem bildenden Künstler Olivier de Sagazan, dazu kommt die elektro-akustische Musik der spanischen Klangkünstlerin Charo Calvo, die ebenso beklemmend grausam oder zart und poetisch sein kann. Im Mittelpunkt stehen die sumerische Göttin Inanna, eindringlich getanzt von Lieve Meeussen, und ihre Schwester Ereshkigal, getanzt von Olivier de Sagazan. Während beide eingangs federleicht über die Bühne wehen, steht de Sagazan bald kopfüber am Rande, wühlt sich in einem amorphen Hanfballen und reibt sein Gesicht mit einer lehmigen Masse ein, bis es alle Konturen verliert: eine Verwandlung, ein Ritual, in dem die Figur in der Unterwelt für die Wiedergeburt alles hinter sich lässt. Inanna wiederum wird dem auf einer aufrechten Fläche thronenden Gott, den Vandekeybus mit stählerner Kraft darstellt, ein „Me“, eine Eigenschaft, rauben und damit Macht gewinnen, aber auch sie muss in die Unterwelt absteigen, wo sie zuletzt in einer mystischen Vereinigung mit ihrer Schwester verschmilzt.

Zwingende Bilder

Während die Handlung sich nur schwer erschließt, sieht man zwingende Bilder einer permanenten Verwandlung. Immer weiter verwandeln sich die anfangs frisch und natürlich wirbelnden Tänzerinnen und Tänzer in amorphe Figuren. Über und über mit Lehm eingerieben, geraten sie in wilden Sprüngen aneinander, jagen und werden gejagt. Rituelle Stockkämpfe stehen neben marternden Krämpfen – und immer bewundert man die enorme Kraft und Geschmeidigkeit der Tänzerinnen und Tänzer. Eine vermeintliche Wand aber wird zur Projektionsfläche für Direktbilder- und -videos, die teils stehenbleiben, teils sich vom Bühnengeschehen entfernen – ein spannendes zusätzliches Element der Choreografie.

Nächster Termin beim Bregenzer Frühling, 23. April, Festspielhaus, CCN de la Rochelle – Cie Accrorap, Frankreich.

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