Das, was Kunst kann

Kultur / 19.05.2022 • 21:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das war „Pension Europa“ im Jahr 2014. VN
Das war „Pension Europa“ im Jahr 2014. VN

Das härteste Aktionstheaterstück der letzten Jahre wurde vom Publikum gut aufgenommen.

Bregenz „Theater kann im Moment überhaupt nichts“, sagt Babett. Kann es doch, beweist die Produktion „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“, in der die Schauspielerin dieses Namens auf der Bühne steht und mit dem das Aktionstheater erstmals nicht nur im Rahmen des von der Stadt ausgerichteten Festivals Bregenzer Frühling auftritt, sondern auch mit dem Vorarlberger Landestheater kooperiert und für die der Text kurzfristig umgeschrieben wurde.

Ein paar Hundert Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt sterben Menschen im Angriffskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt. Auch unter der Voraussetzung, dass Schnelligkeit keine Qualität ist, gab es für ihn keine Alternative, erklärte Theaterleiter, Regisseur und Autor Martin Gruber im Vorfeld der Uraufführung im Gespräch mit den VN. Die Replik auf das mit „Pension Europa“ betitelte Zustandsbild aus dem Jahr 2014 bzw. dessen Fortsetzung ist in der Essenz das in der Sprache härteste und direkteste Stück, das dieses Ensemble in den letzten Jahren umsetzte und das, obwohl hier schon in den ersten paar Szenen ein Witz mitschwingt, der von den Reaktionen der Akteure ausgeht und der alle dieser kurzen Erzählungen aus dem momentanen Alltag von jeglichem Betroffenheitskitsch befreit.

Es ist eine Produktion, in der man sich nicht in kleine Spielhandlungen flüchtet, aus der sich dann Fragen nach dem Verhältnis zur Demokratie, zur Macht der niederen Instinkte, zur Akzeptanz oder Abwehr von Alltagsrassismus und -chauvinismus ergeben. Noch intensiver als in der bisherigen Aktionstheatermanier werden die Defizite konkret angesprochen und ihre Stärke erhält die Produktion dadurch, dass der doppelte Boden dabei erfahrbar bleibt.

Nichts ist ihnen fremd

Da erzählt David von seinen Erfahrungen mit dem Regisseur eines Weihnachtsmärchen („hier am Landestheater“), der kritisierte, dass der Kollege kein Gewehr halten kann, weil er keinen Wehrdienst hatte und zwischen Luzian und Zeynep geht es einmal darum, wer wen als „Teil des verschwulten Westens“ beschimpft, wobei man sich dabei erwischt, wie sehr man bereits in klischeehafte Zuordnungen verstrickt ist. Tamara erkennt das vermeintlich faschistoide im eigenen Denken und offenbart die gefährliche Nähe zur Gewaltbereitschaft. Mit der Rede über das Judengold in der demokratischen Schweiz, die den Begriff Staatsoberhaupt erst gar nicht kennt, macht sich Michaela rasch zur Angriffsfläche und überhaupt ist den hier zusammengekommenen Schauspielerinnen und Schauspielern von der Kategorisierung der Flüchtlinge in jene, die unsere Empathie erfahren sollen und jene, denen sie nicht gebührt bis zum Wert des Dreckwegputzens nichts fremd, was dazu angetan ist, unsere Solidarität wie die Demokratiefähigkeit zu hinterfragen. Und zwar so, dass Wegducken erst gar nicht möglich ist, obwohl Regisseur Martin Gruber als jener, der auch die gesammelten Texte verdichtet, Brecht’sche Hinführmechanismen nicht einmal im Ansatz braucht.

Erschütternde Aktualität

Mit einer leicht gekippten Auftrittsscheibe begegnet Ausstatterin Valerie Lutz einer Raumkonstellation und -akustik im Kornmarkttheater, die für das bislang in offenen Bühnen aufgetretene Aktionstheater neu sind. Mit bestens gesteuerten Videoeinspielungen, die buchstäblich unter die Haut gehen (Resa Lut) und mit dunklen, später abgelegten Überhemden und Kostümen in Nude-Tönen bewältigt sie die optische Übersetzung der Vorgänge. Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp und Tamara Stern bündeln sie gemeinsam mit den Musikern Dominik Essletzbicher, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner und Daniel Schober zu einer Aufführung, die in ihrer erschütternden Aktualität auch viele zeitlos gültige Elemente enthält.

Szene aus „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ des Aktionstheaters im Theater am Kornmarkt in Bregenz. vlt/köhler
Szene aus „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ des Aktionstheaters im Theater am Kornmarkt in Bregenz. vlt/köhler

Weitere Aufführungen des Stücks vom 20. bis 25. Mai, jeweils 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz: landestheater.org; aktionstheater.at