Aus Dornröschenschlaf erweckt

Kultur / 05.09.2022 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mitentscheidend für den Erfolg ist sicher auch die Wahl der Kirche des Klosters Gwiggen als Konzertort. JU
Mitentscheidend für den Erfolg ist sicher auch die Wahl der Kirche des Klosters Gwiggen als Konzertort. JU

Die Klosterkirche Gwiggen bietet dem Ensemble „Lago di costanza“ das ideale Ambiente.

HOHENWEILER „Es gibt nie ein Zuviel an Kultur“, befand die bekannte Geigerin Editha Fetz und setzte das gleich auch in die Praxis um. Sie gründete mit Studenten ihrer Klasse am Landeskonservatorium und professionellen Kollegen ein neues Kammermusikensemble mit dem klingenden, regionalbezogenen Namen „Lago di costanza“ und erlöste mit einer neuen Konzertreihe das Leiblachtal als ihre engere Heimat von seinem Dasein als musikalisches Brachland. Corona konnte das Projekt zwei Jahre verzögern, aber nicht verhindern. Nun war die Zeit reif. Bereits die zweite Ausgabe am Sonntag in der Klosterkirche Gwiggen wurde vom Publikum nicht nur angenommen, sondern geradezu gestürmt. Und das Programm mit Pergolesis „Stabat mater“ als Glanzpunkt geriet dort auf exzellentem Niveau zum Triumph.

Ideale Akustik

Mitentscheidend für diesen Erfolg ist sicher auch die Wahl der Kirche des Klosters Gwiggen als Konzertort. Es war, als hätte dieser Raum nur auf seine Erweckung aus einem langen Dornröschenschlaf gewartet, denn es gibt in der Gegend kaum ein idealeres Ambiente für musikalisch hochwertige Darbietungen. Die Kirche ist einerseits so groß, dass man sich nicht beengt fühlt, andererseits besitzt sie den notwendigen Intimcharakter und eine ideale, nicht zu hallige Akustik.

Der Raum ist asketisch schmucklos und ohne Bilder und lädt zur Kontemplation ein. Die dortigen Zisterzienserinnen waren gerne bereit, ihre Abtei Mariastern für dieses Projekt zu öffnen und „Lago di costanza“ damit eine wunderbare Heimstätte zu bieten.

Beten oder musizieren

Nur sprechen sollte man auf Wunsch der Schwestern nicht in ihrer Kirche, sondern beten oder eben musizieren. Editha Fetz, die Tochter von Orgellegende Günther Fetz, hat bis heute die revolutionären Vorgaben Nikolaus Harnoncourts im barocken Originalklang weitergeführt, immerhin hat sie viele Jahre in seinem Concentus musicus gespielt. Historische Instrumente mit Darmsaiten, wenig Vibrato und die alte Stimmung ergeben auch hier ein besonderes Klangbild. Auch wenn die Gemeinden des Leiblachtales das Projekt unterstützen, sind die Mittel noch rar. Deshalb spielt diesmal nur eine zwar kleine, aber dynamisch schlagkräftige und auf diese Musizierweise eingeschworene Truppe mit Ingrid Loacker, Violine, Lukas Breuss, Viola, Annja Korsmaier, Cello, und Michael Schwärzler am Orgelpositiv. Dazu wurden als stilkundige Vokalisten die Sopranistin Maria Erlacher und der Altus Markus Forster aus Innsbruck engagiert.

Das geht unter die Haut

Eine Bach-Kantate mit dem Altus als Solisten stimmt in das Geschehen ein, gefolgt von zwei Händel-Arien mit der Sopranistin, ausgewogene Beispiele kultivierten Musizierens. Leiterin Editha Fetz, seit vielen Jahre gefragte Konzertmeisterin bei renommierten Orchestern, stellt ihre profunden solistischen Qualitäten mit einem Händel-Violinkonzert ausdrucksvoll in den Mittelpunkt. Zum strahlenden Zentrum des Abends wird die mitreißende und berührende Art, in der die Gesangssolisten, als Ehepaar in perfekter Harmonie, in Pergolesis berühmtem „Stabat Mater“ den Schmerz der Gottesmutter über den toten Sohn zum Ausdruck bringen. Zwischen Aufbäumen und Ergebung, Leid und Hoffnung loten sie ein weites Spektrum an Kraft und Emotionen aus, mit unglaublicher Koloraturkunst und Attacken, die unter die Haut gehen. JU

Aus Dornröschenschlaf erweckt
“Es gibt nie ein Zuviel an Kultur”, sagt Editha Fetz, die Leiterin des Ensembles.

Nächstes Konzert: 30. Oktober, 19.30 Uhr, Klosterkirche Gwiggen (Orchesterbesetzung)