Überdosis Körperkontakt mit irischen Ganoven

Das
leichte
Leben
Thomas Melle, Kiepenheuer & Witsch, 343 Seiten
Thomas Melle reüssiert mit „Das leichte Leben“ bedingt , Kevin Barrys „Nachtfähre nach Tanger“ punktet mit Experimentierfreude.
Roman Eigentlich verrät es schon der Titel „Das leichte Leben“. Er ist prall gefüllt mit Zynismus, denn mit Leichtigkeit geht in Melles Roman keiner durchs Leben. Vorangestellt ist es ein klassisches Familiensetting: Jan und Kathrin sind schon (zu) lange verheiratet, haben zwei Kinder, Lale und Severin, die hübsch in der Pubertät angelangt sind. Dazu kommt mit Keanu der Freund der Tochter, der auch noch dem jungen Hollywood-Schauspieler Reeves ähnelt. Jetzt packen allesamt ihr Leben nicht mehr und suchen einen Ausweg, der sich über tatsächliche oder ersehnte Körperkontakte äußert.
Übersexualisierter Ist-Zustand
Jan bekommt Nacktfotos seiner Person aus der Schulzeit zugemailt, mit der Androhung, dass da einiges veröffentlich werden wird. So nebenbei macht er einer jungen Mitarbeiterin im TV-Sender, in dem er arbeitet, schöne Augen. Die Lehrerin Kathrin will zurück in ihr altes Jugend-Leben als erfolgreiche Autorin und fängt damit auf einer Sexparty an. Keanu ist ein Stalker, der sich nur über Sex definieren kann. Rein inhaltlich könnte das in 30 Seiten abgehandelt werden: Alte Partner weg, neue her, so nonchalant das nun mal auf unserer Welt funktioniert, aber Melle reitet auf dem Ist-Zustand herum, bis er an Relevanz verliert und ausgereizt erscheint. Themen würde es genug geben: Der Tod der Großeltern, die Position des Lehrenden in einer Schule mit verhaltensauffälligen Jugendlichen wird angerissen, oder die schwierige Situation eines TV-Senders, mit der rasanten Webkultur mitzuhalten, aber die Eltern-Generation scheint den Reizen einer übersexualisierten Welt ausgeliefert zu sein. Hier kommt die zweite Ebene zu kurz. Natürlich hat der Roman kurze, feine Überraschungsmomente, die Situation zum Beispiel, wo sich Lale um ein neues Fahrrad umschaut, da ihr altes gestohlen wurde. Allein dieser Stimmungsmoment zeigt, dass der Autor sehr gründlich recherchiert hat, daran ist es auch nicht gelegen. Schlussendlich wird zu viel auf den Eklat geschaut und zu wenig auf den Weg dorthin oder auf den Weg darüber hinaus. Die Franzosen, allen voran Michel Houellebecq, scheinen mit einer entgleisten Beziehungswelt besser zu Rande zu kommen, da wird dieser hybride Ist-Zustand eher als Kulisse verwendet.
Ein Ire in Spanien
In Kevin Barrys Roman „Nachtfähre nach Tanger“ lungern Maurice und Charlie, zwei ehemalige irische Ganoven, im Hafen von Algeciras im Süden Spaniens herum und warten auf Maurices verschollene Tochter Dill oder Dilly, über den Namen ist man sich länger nicht im Klaren. Sie wissen auch nicht, ob das Mädchen heute mit der Fähre von Tanger ankommt oder abfährt. Es ist also vieles ungewiss in diesem Roman. Dazu passt es auch, dass der Roman des irischen Autors sich formal an ziemlich wenig hält. So sind gute Teile eher wie ein Theaterstück zu lesen, dazu switcht der Roman zwischen der Vergangenheit in Irland und der Gegenwart in Spanien. Gewaltige Bilder werden offenbart, lyrische Momente kommen nicht zu kurz und im ganzen Roman breitet sich ein malerisches Leiden aus, als wäre man in Samuel Becketts „Warten auf Godot“ angelangt. Das passt sehr gut zu Kevin Barrys irischem Dichterherz. Nun, im Gegensatz zu Godot erscheint das Mädchen tatsächlich, aber die typisch irischen Stimmungsbilder ziehen sich durch den gesamten Roman. Wer es ein bisschen experimentierfreudiger haben will, sollte sich die „Nachtfähre nach Tanger“ nicht entgehen lassen.

Nachtfähre
nach
Tanger
Kevin Barry Rowohlt,
204 Seiten