Revolution im Doppelpack

Kultur / 19.09.2022 • 19:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Volker Metzger, Nicole Spiekermann, Karin Pfammatter, Sylvana Schneider, ­Andy Konrad.  Ilja Mess
Volker Metzger, Nicole Spiekermann, Karin Pfammatter, Sylvana Schneider, ­
Andy Konrad. Ilja Mess

Messerscharf startete das Theater am Kirchplatz mit „Dantons Tod/Der Auftrag“.

Schaan Wie eine Idee sich in ihr Gegenteil verkehrt, das hat Georg Büchner mit seinem Drama „Dantons Tod“ schon 1835 gezeigt. Schauplatz ist das Paris der Revolution. Die Köpfe rollen und längst unterscheidet Robespierre nicht mehr zwischen Freund und Feind. Danton, einst Vertrauter des Revolutionsführers, denkt anders. Also muss er weg.

Einige Jahre später, ganz genau 1979, setzte sich Heiner Müller, bis heute einer der bedeutendsten Schriftsteller der ehemaligen DDR, an den Stoff der französischen Revolution. Er verlagerte den Ort der Revolution allerdings nach Jamaika. Auch dorthin sollten drei Gesandte die Freiheit für alle bringen. Das Problem dabei: Kaum sind die Drei gelandet, ist mit der Revolution in Frankreich Schluss und auf Jamaika ist sich schnell wieder jeder selbst der Nächste.

Ja, und jetzt stellt sich die Frage, ob diese beiden Stücke zusammenpassen und wie da auch noch die Umwelt-Ikone Greta Thunberg mitmischen kann? Die Saisoneröffnung im Theater am Kirchplatz in Schaan zeigte eindeutig: Es funktioniert. Beide Stücke, die übrigens von Intendant Thomas Spieckermann persönlich in einen Guss gebracht wurden, arbeiten sich an derselben Frage ab. Was bringt Ideen mit Potenzial zum Kippen und was geschieht mit denen, die nicht stumm bleiben?

Büchner, Müller, Thunberg

Wollte die französische Revolution Freiheit und Wohlstand für alle, lautet heute das Mantra: Wohlstand durch Wachstum. Hier trifft man dann auf die Greta Thunbergs unserer Zeit. So ist alles in einem ständigen, fragilen Schwanken an der Kippe gefangen. Genau das zeigt der Theaterabend im liechtensteinischen TAK – und er zeigt es fein abgemischt. Das liegt natürlich am Ensemble, das keinen Vergleich zu scheuen braucht und spielend leicht zwischen den Stücken wechselt. Da sind die heldenhaft zweifelnden Oliver Reinhard und Andy Konrad als Danton und Camille. Da sind der neurotisch-wahnhafte Robespierre und der karrieristische Emporkömmling, beide genial verkörpert durch Karin Pfammatter. Da ist der buchhalterische Vollstrecker St. Just (Volker Metzger) und da sind die Damen (Nicole Spiekermann, Sylvana Schneider und Karin Ospelt), die zwischen Liebe und Kalkül pendeln. Wandlungsfähig, eindrucksvoll – Kompliment an das gesamte Ensemble und die Regie (Oliver Vorwerk). Es ist nämlich ein Kunststück, Büchner, Müller, Thunberg und die Revolution unter einen Hut zu bringen. Aber das Kunststück glückte und das Theater am Kirchplatz startete mit mehr als verdientem Applaus in die neue Saison. Bitte mehr davon! vf

„Dantons Tod / Der Auftrag“ ist noch am 29, September und am 20. Oktober, 20.09 Uhr, im Theater am Kirchplatz in Schaan zu sehen. Dauer: 2,5 Stunden. www.tak.li