„Der Sturm“ aus neuer Perspektive

Kultur / 21.09.2022 • 17:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Oper „Sycorax“ des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas wurde von den Bühnen Bern uraufgeführt. Bühnen Bern/Rob Lewis
Die Oper „Sycorax“ des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas wurde von den Bühnen Bern uraufgeführt. Bühnen Bern/Rob Lewis

Zur Uraufführung der Oper „Sycorax“ von Georg Friedrich Haas.

Bern, Bregenz Es ist eine Produktion, von der eine enorme Energie ausgeht, und die war bei der zweiten Aufführung des neuen Werks „Sycorax“ von Georg Friedrich Haas auch spürbar. Das Publikum im Theater Bern holte die gesamten Mitwirkenden mehrmals zurück auf die Bühne: Bei Uraufführungen bzw. deren Folgeterminen ist das noch kein gängiges Bild. „Sycorax“ ist eine Oper, die sich ob der Handlung nicht unter die bisherigen Arbeiten des in Vorarlberg aufgewachsenen und lange hier tätig gewesenen Komponisten reiht. Haas, mittlerweile mit renommierten Preisen bedacht, hat sich 1998 mit „Nacht“, uraufgeführt bei den Bregenzer Festspielen, in diesem Genre positionieren können. Die Oper „Melancholia“ nach einem Roman von Jon Fosse, wurde in Paris erstaufgeführt, Werke wie „Bluthaus“ und „Thomas“ mit Texten von Händl Klaus holte sich die Bayerische Staatsoper erst jüngst wieder ins Programm, „Morgen und Abend“, in London uraufgeführt, wurde heuer an der Oper Graz neu inszeniert. Die VN berichteten.

Atemluft wird knapp

Der Titel „Sycorax“ leitet sich von einer Figur aus dem Drama „Der Sturm“ von Shakespeare ab, das Werk entspricht jedoch keiner Vertonung oder Deutung, wie sie etwa Thomas Adès unternahm. Harriet Scott Chessman konzentriert sich im Text auf die Tatsache, dass der auf einer Insel gestrandete Prospero die dortigen Bewohner unterjochte. Nachdem im Drama der Aufstand von Caliban behindert wurde, regt sich hier bei den Luftgeistern Widerstand, die bemerken, dass Prospero die Ressourcen verschleudert hat. Sprich: Atemluft wird knapp auf dieser Insel. Ihr Gesang weckt die von Prospero verbannte Sycorax, die das gesamte Lügengebilde entflechtet, aus dem der Kolonialherr seine Macht bezieht.

Geschichte der Entmachteten

Den Aspekt des Kolonialismus in Shakespeares Drama kritisch zu beleuchten, tritt in neuen Inszenierungen hingegen nicht unbedingt zutage, auch die heuer bei den Bregenzer Festspielen vom Deutschen Theater Berlin gezeigte Neuübersetzung berührt ihn kaum.

Mollena Lee Williams-Haas, selbst auch Aktivistin of Color, agiert als Sycorax nicht mit berechtigter Wut, sondern mit der Erklärung, warum es ihre, das heißt „our stories“, also die Geschichte der Entmachteten, zu erzählen gilt bzw. die Perspektive zu ändern. Daraus bezieht dieser simpel scheinende, weil literarisch kaum überhöhte Text seine Stärke. Dazu kommt, dass sich dessen sprachliche Gestaltung durch die Protagonistin kongenial mit den Gesangsstimmen verbindet. Das ist auch für jene, die der Kombination von Sprech- und Singpassagen eher skeptisch gegenüberstehen, weil die noch so überlegte Rezitation oft doch noch einen pathetischen Unterton hat, eine neue, sehr eindrückliche Erfahrung. Mit den Stimmen des Chores und des Orchesters entstehen Klangbilder von enormer Intensität und verfeinerter Farbigkeit, die es zulassen, dass die Charaktere von Caliban, Prospero und Ariel eher eindimensional gezeichnet sind, während Miranda (Juliane Stolzenbach Ramos kann als Beispiel für die gute Besetzung stehen) das sich ändernde Bild vom Vater auch zum Ausdruck bringen darf.

Tief berührende Klangbilder

Die Inszenierung von Giulia Giammona in der dystopischen Bühnenlandschaft mit Atemschläuchen und Düsternis ist konsequent einfach choreografiert. Dirigent Bas Wiegers unterstreicht die beeindruckende Kompaktheit dieser Produktion, für die das Orchester ausschließlich mit Streichern besetzt ist, die ihre Instrumente live umstimmen und damit Toncluster erzeugen, mit denen Haas ausgesprochen differenziert arbeitet und die Klangbilder evozieren, die anregen und tief berühren. Die Heilung, die Haas konkret anspricht, ist eine höchst individuell erfassbare Dimension. CD

Nächste Aufführung in der Vidmar-Halle der Bühnen Bern am 25. September.