Wir sind die Schuldigen

Kultur / 22.09.2022 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wir sind die Schuldigen
Frowein

Woher rührt die aktuell größte unserer Krisen? Von uns selbst, bedeutet uns in Zürich Nicolas Stemann in „Ödipus Tyrann“.

ZÜRICH Ödipus? Ja doch, das ist dieser bedauernswerte Mann, der unwissentlich den Vater Laios tötet und die Mutter Iokaste heiratet. Der, gerade im Versuch, dem eigenen Schicksal zu entkommen, diesem umso rettungsloser in die Arme läuft.

Patrycia Ziólkowska und Alicia Aumüller spielen alle Rollen.
Patrycia Ziólkowska und Alicia Aumüller spielen alle Rollen.

Was wohl weniger bekannt ist: Der Suche geht die Seuche voraus in dem bedeutenden Drama, in dem der griechische Tragödiendichter Sophokles vor rund zweieinhalb Jahrtausenden den Stoff verarbeitet hat. Denn in Theben, wo Ödipus als Nachfolger des Laios auf dem Königsthron sitzt, wütet die Pest und herrscht Dürre. Menschen und Tiere siechen dahin. Der Boden wird unfruchtbar. Nur wenn man Laios’ Mörder finde, könne die Stadt gerettet werden, verkündet das Orakel von Delphi.

Patrycia Ziólkowska.
Patrycia Ziólkowska.

Die Neuinszenierung von Sophokles’ „Ödipus Tyrann“ durch Nicolas Stemann, einen der beiden Ko-Intendanten am Schauspielhaus Zürich, kommt mit bloß zwei Schauspielerinnen aus und dockt doch überaus kraftvoll, hochaktuell und plausibel an diesen Beginn des Stückes an. Der die Natur und den Menschen versehrende Fluch, der über Theben lastet, wird unmissverständlich zu unserer immer drängenderen Klimakrise aufdatiert und herangezoomt.

Wer ist schuld? Lautet die Frage, die sich die Thebaner – und besonders Ödipus als deren Herrscher – stellen, und Stemann lässt es sich nicht nehmen, diese Wahrheitssuche auf uns selbst zu projizieren und damit unsere eigene Mitschuld an der Zerstörung des Planeten einzuklagen. Sein sogar in einen Wiederholungsloop genommenes „Auch du bist schuld!“ an die Adresse der Zuschauer ist keine platte Analogiebildung und kein billiger Regietrick, sondern entwickelt eine reinigende „Katharsis“. Und gerade eine solche eignet ja den großen Tragödien der alten Griechen. Wie besonders dieser hier.

Alicia Aumüller.
Alicia Aumüller.

Zwei Frauen spielen alles

Alicia Aumüller und Patrycia Ziólkowska, in weißen Turnschuhen und überwiegend schwarz gekleidet, sind gewissermaßen „alle“: Ödipus, Iokaste, deren Bruder Kreon, Seher Tiresias, Bote, Diener, Priester, Chorführer und Chor. Und zu Beginn sogar: Ödipus’ Töchter Antigone und Ismene. Es hätten allzu viele sein können. Sind es hier aber nicht! Aumüller und Ziólkowska verrichten ihr Rollen-Multitasking, ohne Übertreibung vermeldet, brillant. Vor dem meistens geschlossen gehaltenen Eisernen Vorhang im Pfauen sprechen die zwei auf stufenförmig davor konstruierten Emporen, hier als eine einzige Person mit synchronem Zungenschlag, da alternierend im Dialog oder dort als Kollektiv. Und das immer so, dass die Silben von Stemanns Neuübertragung des Textes ins Deutsche mit Leben erfüllt werden. Hinzu kommen ein breit gefächertes und stets sinnstiftendes Spiel mit Gestik, Mimik und ganzem Körper. Und so wird die Besetzungs-Diät – die andernorts eine Verlustrechnung hätte aufmachen können – an diesem Abend zum Mehrwert, wobei sie auch die Fokussierung auf die Kernthemen fördert.

Am Ende blendet sich Ödipus die Augen. Stemanns Botschaft lautet: Tun wir es ihm nicht nach, sondern schärfen wir vielmehr unseren Blick!

Torbjörn Bergflödt

Weitere Aufführungen

Das Stück läuft bis 31. Oktober.

Nächste Vorstellungen (100 Min.) siehe www.schauspielhaus.ch.