Schmutziger Minimalismus

Kultur / 27.09.2022 • 18:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Charme des Kosmos-Ateliers ist ideal, um die Werke von Thomas Henriksson wirken zu lassen.
Der Charme des Kosmos-Ateliers ist ideal, um die Werke von Thomas Henriksson wirken zu lassen.

Linus Barta kuratiert im Kosmos-Atelier „30 Jahre Malerei“ des in Berlin lebenden schwedischen Künstlers Thomas Henriksson.

Bregenz Im Herbst 2012 brannte es im Atelier von Thomas Henriksson. Der Künstler versuchte noch, einige seiner Werke ins Freie zu retten und riskierte dabei sein Leben. Sieben Wochen lag er mit einer Rauchgasvergiftung im Koma, daraus erwacht konnte er ein Jahr lang nur Feuer malen. Während einer Reise durch Japan entwickelte Henriksson daraufhin – aus einer Auseinandersetzung mit Ordnung und Chaos, Leben und Tod – das Konzept seiner Serie „Singularitäten“, welche er selbst als schmutzigen Minimalismus und gleichsam sein malerisches Testament bezeichnet.

„Ich lernte Thomas im Jahr 2018 kennen, als ich bei ihm ein Praktikum in der Wiesenburg Berlin absolviert habe“, erzählt Linus Barta, der sich bereits selbst in Herz und Hirn der Vorarlberger gemalt hat. „Überall im hohen Raum hingen diese beeindruckenden Singularitäten. Als ich die orange Küche betrat, in welcher ein grünes Bild hing, war das für mich ein Schlüsselerlebnis. Ich wusste in dem Moment, dass ich es hier mit einem ganz großen Künstler zu tun habe.“ Kein Wunder also, dass Barta, der sich nun auch als Kurator des Kosmos-Atelier im Bregenzer Schoeller-Areal verantwortlich zeichnet, diese Seilschaft für seine erste Ausstellung nutzt.

Die Bilder leben

Auch Henriksson (Jahrgang 1964) erinnert sich an diese erste Begegnung mit dem jungen Künstler aus Vorarlberg. „Als Linus die Singularitäten das erste Mal erblickte, hat er gleich auf die abstehende Farbe gedrückt und gemeint: Ach, das lebt!“ Laut Barta hat das Henriksson in diesem Moment nicht sonderlich erfreut. Heute können beide darüber lachen, und Wiederholungstäter Barta läuft gleich zur nächstgelegenen Singularität im Raum, greift ins Bild und stellt fest, „dass die Farbe mittlerweile total verhärtet ist“. Er muss es ja wissen.

Henriksson malt mit Ölfarbe, deren Alterungsprozess ihn nach wie vor fasziniert. „Ich male ja schon mit dem Gedanken, dass meine Bilder altern, dadurch praktisch leben.“ Da seine Werke wie industrielle Fassaden wirken, auf Dauer beinahe wie menschengemachter Rost anmuten, daher auch etwas Technisches implizieren, ist der Fakt, dass diese mit etwas Organischem wie Öl geschaffen wurden ein faszinierender Umstand. Der Betrachter findet sich an jenem Ort, wo sich Abstraktion und Gegenständlichkeit treffen.

Für den Kurator steht an vorderster Stelle, dass die Bilder niemals den Anspruch von Perfektion beanspruchen. Er bemüht zur Unterstreichung seiner These gerne Leonard Cohen, dessen Zeilen „There is a crack, a crack in everything – That‘s how the light gets in“ für Barta das textgewordene Adäquat zu jenen Werken sind, welche noch bis Mitte November die Wände des Kosmos-Ateliers zieren.

„30 Jahre Malerei“

Die Ausstellung „30 Jahre Malerei“ ist ein Gewinn für Bregenz und stellt unter Beweis, dass Barta als Kurator eine ähnliche Relevanz wie als Künstler hat. Man darf jetzt schon gespannt sein, wen er im Lauf der Jahre noch aus seinem Kuratorenhut zaubern wird. Doch jetzt gilt es erstmal am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, die Werkschau von Thomas Henriksson feierlich zu eröffnen. Ein Besuch wird empfohlen, Künstler und Kurator sind anwesend, der Wein ist kaltgestellt. Und falls es brennt, ist die Feuerwehr Bregenz-Vorkloster nicht weit. VN-HF

Kurator Linus Barta und Künstler Thomas Henriksson.VN/HF
Kurator Linus Barta und Künstler Thomas Henriksson.VN/HF

Vernissage heute, Mittwoch, 28. September, 19 Uhr. Die Ausstellung im Kosmos-Atelier in Bregenz ist bis 11. November zu sehen.

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