Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Kultur / 08.11.2022 • 18:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kurator Michael Kos und Künstlerin Ina Hsu vor ihrem Bild Maria II, 2015. Thomas Schiretz (2)
Kurator Michael Kos und Künstlerin Ina Hsu vor ihrem Bild Maria II, 2015. Thomas Schiretz (2)

Die opulente Ausstellung „Welcome my deer“ im Bildraum Bodensee.

Bregenz Der reichhaltige Kosmos an Fabel-, Mensch-Tier-Misch- und Hybridwesen gereicht jedem mittelalterlichen bzw. neuzeitlichen Bestiarium (reich bebilderte Textbücher mit verschiedensten Tierdarstellungen wie Drachen, Löwen, diverse Fabelwesen wie Einhorn) zur Ehre. Der Kurator der Schau, Michael Kos, hat 13 Künstler ausgewählt, die in Österreich leben und arbeiten und sich in ihren Arbeiten u. a. der „Tierkunst“ widmen. Kos hat nicht nur hervorragend ausgesucht, er hat vor allem klug, korrespondierend und übersichtlich die Bilder aufgehängt. Alle hier gezeigten Arbeiten sind von einer sehr hohen, sogar außergewöhnlichen, nicht nur handwerklichen Qualität; ob Tusche, Papiermaschee, Keramik, Feder, Öl, Pastellkreide oder einem Bronzeguss, wie der von Julia Heinzel (Only dead fish swim with the stream, 2020), furchteinflößend, beeindruckend.

Perikularium

Ein Niveau, das seinesgleichen sucht und so schon lange nicht mehr gesehen worden ist. Alexandra Kontriner setzt mit ihrem von 2018-19 gezeichneten Perikularium (eine Liste der gefährdeten bzw. teils schon ausgestorbenen Insekten in Tirol) ein gestalterisches Ausrufezeichen. Mit einer unglaublichen Präzision zeichnet und aquarelliert sie auf wenigen Quadratmillimetern Käfer, Ameisen, Falter etc. neben denen sich Albrecht Dürers Feldhase von 1502 geradezu grobschlächtig ausnimmt. Dafür kann man in der Ausführung keine Superlative mehr bemühen. Die Pastellkreide- sowie Tuschearbeiten der Innsbruckerin Charlotte Simon, gleich mit sechs Arbeiten vertreten, erinnern in ihrer Zartheit und Zerbrechlich- wie Farbigkeit an die Gaeta/Maremma und Lepantoarbeiten des großen Cy Twombly. Deborah Sengl macht jenes Tier sichtbar, von dem alle Menschen reden, letztendlich aber nie zu Gesicht bekommen haben: den inneren Schweinehund. Ein Mensch mit Schweinskopf strampelt sich auf einem Ergometer ab. Augenzwinkernd. Sauschädel, Insekt und Mausbärmaske aus Papierkaschur (1995, 1982, 1995) präsentiert Altmeister Tone Fink auf einer hölzernen Sprossenleiter, die quer im Raum steht und steil nach oben ansteigt, quasi ein bregenzerwälderischer Stairway to Heaven. Der Maria Lassnig-Schüler Guido Katol irritiert mit zwei Bildern, er verzückt und entsetzt zugleich. Ein riesiger Tiger à la Shir Khan schwimmt unmittelbar hinter einem kleinen Kind her und man blickt in das unendlich zufriedene Gesicht einer bäuchlings liegenden beglückten/verzückten „Signora“ (Leda?). Dahinter Entenbürzel. Wie gehen diese Narrative aus? Happy Ending?

Rafet Jonuzis sinister dreinblickende Schimpansen in Uniformen, jederzeit bereit einen Krieg vom Zaun zu brechen, die momentane Allgegenwärtigkeit hochrangiger Militärs im allabendlichen Fernsehen, die Laien in Soldatensprache eventuelle Strategien erklären. In was für einer Welt leben wir? „Der Planet der Affen“ lässt grüßen. Alois Mosbacher entführt uns mit „Dolly“, 2009 (das erste geklonte Säugetier) in eine pastorale Landschaft, in der der Mensch nichts mehr verloren hat. Lisa Hubers Holzschnitt „Tiger“ (2014) ist ein Ausbund an Kraft und Geschmeidigkeit. Während Ramona Schnekenburger Walflossen, Elefantenrüssel, Tiefseefische und Vögel auf Papier und Leinwand „haucht“, sie erinnern an verblassene Höhlenmalereien, entführt uns Anna Stangl in ihre Traumwelt, hinter Alice aus dem Wunderland. Hantiger und kantiger präsentiert uns Karin Frank ihre liebenswerten Geschöpfe „Brezel und Jesper“, (2015) und „Untermaulkatze“ (2018) aus Holz geschnitzt.

Gute Kunst, denn das Nonkonforme, ist immer schon gegen den Strom geschwommen. THS

Künstler Rafet Jonuzi vor Future Me Past.
Künstler Rafet Jonuzi vor Future Me Past.

WELCOME MY DEER, Tierkunst: Kunsttier, Bildraum Bodensee, Eine kulturelle Einrichtung der Bildrecht GmbH, bis 14.1.2023,

www.bildraum.bildrecht.at

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