Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ein Denker über den Rand

Kultur / 11.11.2022 • 18:31 Uhr

Vor fast einem halben Jahrhundert, am 2. November 1974, wurde vom Felder-Verein in Bregenz der vierte Band der Werke von Franz Michael Felder vorgestellt. Herausgeber war ein Urenkel Felders, der Philosoph, Schriftsteller und Verlagslektor Walter Strolz. Bei der Präsentation signierte Strolz ein Buch mit dem Hinweis „im Geiste von Felders Mut und Glaubenskraft“. Strolz hätte mit diesem Gedanken durchaus auch sein eigenes Werk, das über viele Jahrzehnte entstanden ist, charakterisieren können. Vor wenigen Tagen ist Walter Strolz in Wien verstorben.

Walter Strolz wurde 1927 in Schoppernau geboren, am gleichen Ort wie sein Urgroßvater Franz Michael Felder und sein „Vetter“, der Theologe und Schriftsteller Franz Michel Willam. Er studierte Germanistik und Philosophie an der Universität in Innsbruck. Sein erstes Manuskript reichte er im Freiburger Herder Verlag ein, was zu einer geradezu schicksalhaften Verbindung führte. Das Buch wurde angenommen und Strolz als Verlagslektor beim Herder Verlag eingestellt, eine Verbindung, die drei Jahrzehnte währen sollte.

Strolz war sich immer seiner Bregenzerwälder Herkunft bewusst, eine Haltung, die ihn auch mit dem vor einem Jahr verstorbenen Bildhauer Herbert Albrecht, der im gleichen Jahr im Nachbarort Au geboren wurde, verband und die zu einer lebenslangen Freundschaft führte. In der Monographie zu Herbert Albrecht schreibt Strolz in Bezug zu drei großen Marmorskulpturen, die nach dem frühen Tod von Albrechts Sohn entstanden sind: „Die drei Skulpturen sind ragende, in sich ruhende Zeichen für gestaltete Vergeblichkeit. Sie können den stillen Betrachter aus der Ratlosigkeit der technischen Zivilisation herausrufen und ihm zu denken geben, dass der Mensch sterblich ist, dass er nichts von dem besitzt, was er verlässt.“ Was Strolz 1988 für seinen Freund geschrieben hat, könnte man heute auch auf ihn selbst beziehen.

Das wichtigste Anliegen war es für Walter Strolz, die drei monotheistischen Weltreligionen, also Christentum, Judentum und Islam, zu versöhnen, genauer: neu zusammenzuführen. Sein Buch „Heilswege der Weltreligionen“ (Herder Verlag) ist das heute noch gültige Standardwerk dazu. Strolz wurde auch nicht müde, dieses Thema in Vorträgen, unter anderem auch in Vorarlberg, zu vertiefen. Ebenso war es ihm wichtig, sich mit Themen aus der Bibel auseinanderzusetzen, er war ein Verehrer der Psalmen, etwa mit dem Buch „Du gibst weiten Raum meinen Schritten“ (Herder) nach Psalm 18, 37, oder mit „Aus den Psalmen leben“ (Herder). Nicht vergessen darf man auch die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Philosophen Martin Heidegger, von der auch ein jahrelanger Briefwechsel zeugt. Walter Strolz war also ein großer Denker, einer, der mehr über den Sinn des Lebens wissen wollte. Vorarlberg darf stolz sein auf diesen Philosophen aus Schoppernau, auf diesen „Denker über den Rand“.

„Das wichtigste Anliegen war Walter Strolz, die drei monotheistischen Weltreligionen, also Christentum, Judentum und Islam, zu versöhnen, genauer: neu zusammenzuführen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.