Über den Verlust der Unschuld

Kultur / 22.01.2023 • 18:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sein neuestes Buch erzählt aus der Sicht eines Jugendlichen. Anja Köhler
Sein neuestes Buch erzählt aus der Sicht eines Jugendlichen. Anja Köhler

Michael Köhlmeier beschreibt in seinem neuen Buch “Frankie” die Faszination des Bösen.

Schwarzach “Frankie” heißt der neue Roman von Michael Köhlmeier, erzählt aus der Sicht eines Jugendlichen. Frank geht in die Unterstufe eines Wiener Gymnasiums. Er ist Einzel- und Scheidungskind und gut erzogen. Nach 18 Jahren wird sein Großvater aus der Haft entlassen und wühlt die Familie auf. Dennoch fühlt sich Frank zu ihm hingezogen.

 

War es für Sie schwierig, aus der Sicht eines Jugendlichen ein Buch zu schreiben?

Köhlmeier Manchmal denke ich, jeder Mensch hat neben seinem jeweiligen Alter, das sich von Tag zu Tag verändert, ein „ewiges“ Alter. Mein „ewiges“ Alter, denke ich, ist so um die 13. Nein, es fällt mir nicht schwer, mich in einen Dreizehn- oder Vierzehnjährigen hineinzuversetzen. Eines meiner Lebensbücher ist der Huckleberry Finn von Mark Twain, das großartigste Buch über die Freiheit.

 

Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Großvätern?

Köhlmeier Ich habe keinen meiner Großväter gekannt. Die waren schon tot, als ich kam. Zu meiner Großmutter mütterlicherseits hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Sie war die beste Erzählerin, die mir in meinem Leben begegnet ist. Eine Frau, die magisch dachte. Alles war für sie belebt, vor allen Dingen hatte sie Respekt, vor meinem königsblauen Pullover, vor den Zwiebeln, die sie aus der Erde zog, vor ihren Strümpfen, vor dem Kamm, mit dem sie ihr Haar kämmte. Das ist ein schönes Eingebettetsein, wenn man weiß, alles um einen herum lebt.

 

Trotz der Schroffheit und auch Unvertrautheit scheint der Junge die größte Affinität in seiner Familie zu seinem Großvater zu haben. Ist es „nur“ die nicht vorhandene Vaterfigur oder mehr?

Köhlmeier Ich glaube, es ist mehr. Das Traurige an der Geschichte ist zugleich das Spannende: Frankie entdeckt in sich Züge seines Großvaters. Der Großvater ist ein gewalttätiger Mann, unberechenbar, brutal und grausam. Dies alles entdeckt Frankie nun in sich selbst. Damit ist seine Unschuld dahin. Unschuld heißt ja nicht, brav zu sein. Es heißt, nicht zu wissen, was das Böse ist. In dem Augenblick, wo Frankie Verwandtes zum Großvater in sich findet, ist er nicht mehr unschuldig.

 

Warum finden mit dem Erscheinen des Großvaters Entfremdungsmomente zwischen dem Sohn und der Mutter statt?

Köhlmeier Das war mir beim Schreiben nicht bewusst. Aber wenn Sie das sagen … Ja, das stimmt wohl. Frank wird erwachsen. Das heißt, er braucht seine Mutter nicht mehr. Er liebt sie, aber er braucht sie nicht. Kann das sein? Würden Sie das gelten lassen?

 

Ja, lassen wir gelten. In einer wesentlichen Anrede erklärt der Opa dem Enkelkind, dass nicht alles Tun eine Antwort brauche. Die Menschheit sucht aber immer nach Antworten, oder?

Köhlmeier Wenn die Kette von Ursache zu Wirkung bricht, dann stehen wir ziemlich ratlos da. Vor kurzem haben wir von diesem Mann gehört, der einen Apotheker und eine junge Mutter ermordet hat. Sofort fragen wir nach dem Motiv. Und dann sagt uns die Polizei, es gibt kein Motiv. Wenn wir bei der schrecklichsten Tat, wissen, warum sie begangen wurde, dann sind wir entsetzt, aber die Welt ist noch in den Fugen. Wenn kein Motiv zu finden ist, wenn einer mordet, weil er mordet, eine tautologische Tat, dann zerbricht unser Bild von der Welt. Der Großvater ist der Meinung, die meisten Dinge geschehen ohne Motiv. Das ist eine fürwahr satanische Weltanschauung.

 

Das Spiel mit der Pistole – wird sie vom Jungen nochmals benutzt oder nicht – erzeugt eine gewisse Grundspannung und geht bis zum Schluss. War das von Anfang an so geplant?

Köhlmeier Nein, der erste Satz des Romans war da. Dass Frankie und seine Mutter den Großvater aus dem Gefängnis abholen. Von dort weg hat sich die Geschichte entwickelt. Ich war genauso gespannt, wie der Leser vielleicht sein wird.

 

„Die Genauigkeit von Wörtern“, Seite 161, die Frank sehr gerne auf sich bezieht, spielt diese für Sie auch eine große Rolle?

Köhlmeier Schon. Wobei das eher ein Spiel ist. Genau ist nur die Mathematik. Gute Geschichten irrlichtern. Die Mathematik, die kommt vom Himmel, im Himmel ist alles gut und genau. Auf Erden gibt es Lüge und Irrtum, Unwissen und Dreck, hier wird ungut gerochen, zu viel geraucht, zu viel gegessen … jeder kann die Liste fortsetzen, sie ist unendlich … unendlich wie die Geschichten, die wir uns erzählen. Wenn in der Mathematik eine Vermutung bewiesen ist, dann ist Schluss.

 

Vorarlberg wählt nächstes Jahr. Haben Sie ein Wunschergebnis?

Köhlmeier Dass die Wähler Hochmut und Korruption bestrafen. MW

Über den Verlust der Unschuld
“Frankie” erscheint heute, Montag, im Hanser Verlag.  

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