Ein Blick hinter die Kulissen

Kultur / 05.05.2023 • 18:01 Uhr
Noch wach?Benjamin von Stuckrad-Barre, Kiepenhauer & Witsch, 372 Seiten

Noch wach?

Benjamin von Stuckrad-Barre, Kiepenhauer & Witsch, 372 Seiten

Die ersten Kritiken haben den erwarteten Wirbel ausgelöst, aber hält Benjamin von Stuckrad-Barres Roman, was er verspricht?

MeToo-Roman Im Februar 2022 kündigte der Verlag Kiepenhauer & Witsch Benjamin von Stuckrad-Barres Neuerscheinung „Noch wach?“ an. Der Inhalt wurde verschwiegen – dennoch häuften sich die Gerüchte, der Roman könnte um den Springer-Verlag und die BILD-Zeitung drehen. So gesehen spannend, da Stuckrad-Barres Vergangenheit von Döpfner und Co. geprägt ist. „Noch wach?“ besteht aus zwei Erzählsträngen. Der eine handelt von einer bröckelnde Männerfreundschaft zwischen einem Autor und einem Besitzer eines Fernsehsenders, der im Roman „mein Freund“ genannt wird. Tatsächlich weist der Protagonist Ähnlichkeiten mit Stuckrad-Barre auf – der Freund könnte mit Mathias Döpfner, Vorstand des Springer-Verlags, verglichen werden. Nach ungefähr 100 Seiten entwickelt sich der zweite Erzählstrang, durch den der Roman an Dynamik gewinnt. Der Autor lernt Sophia, eine Praktikantin des Senders, in einer Sucht-Selbsthilfegruppe, kennen. Die zwei gründen eine eigene Selbsthilfegruppe an der nur sie teilnehmen und sich wöchentlich neben einem Kirsch-Bananensaft über ihre Probleme austauschen. Es entwickelt sich eine Freundschaft, Sophia öffnet sich Stück für Stück und erzählt, dass sie vom Chefredakteur des Senders über Instagram angeworben wurde und mit ihm eine Affäre hat. Im Verlauf des Romans erfährt Sophia, dass der Chefredakteur mehrere Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und seine Position gezielt einsetzt – Parallelen zum ehemaligen BILD-Chefredakteur Julian Reichelt werden immer offensichtlicher. Nun findet eine Wandlung in Sophias Denken statt: Die zuvor noch als normal betrachtete sexuelle Belästigung durch den Chefredakteur wird immer mehr als Problem identifiziert. Die Art, wie Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt, ist Geschmackssache. Auf alle Fälle entzweit er die deutsche Bildungselite. „Noch wach?“ ist ein polarisierendes Werk deutscher Pop-Literatur. Die Stärken des Romans zeigen sich in der detailreichen Beschreibung der Machtverhältnisse, deren Missbrauch in der Medienlandschaft und der Echtheit der Denkweise und Dialoge seiner Figuren, besonders Sophias Charakter. Tatsächlich gibt „Noch wach?“ nichts Neues über die Causa Döpfner-Reichelt preis, allerdings erreicht der Autor etwas anderes: Er verschafft dem Thema #metoo Gehör, beschreibt, was toxische Machtgefüge in Individuen auslösen können und gibt einen Einblick hinter die Kulissen der Medienbranche.

Spritziger Migrationskrimi

Rasant zum nächsten Buch: „Die Guten und die Toten“, so nichtssagend der Titel ist, so gut ist dieser Berlin-Krimi von Kim Koplin. In einer flott erzählten Geschichte geht es um eine Leiche, die bei einem Staatssekretär im Kofferraum gefunden wird, der in einer betrunkenen Wahnsinnsfahrt ein Polizeiauto schrottete. Aber die Leiche im Kofferraum „gehört“ gar nicht zu ihm, sondern zum syrischen Flüchtling Saad. Saad, als Nachtschichtwächter in einem Parkhaus angestellt, musste sich zweier Typen einer Bande aus Marseille entledigen, von denen er einen im Kofferraum des Politikerschlittens zwischenparkte. Nur blöd, als sich herausstellt, dass es sich um einen Irrtum handelt und die zwei ermordeten Typen es tatsächlich auf den Staatssekretär abgesehen hatten. Der Staatssekretär aber hat es faustdick hinter den Ohren. Kim Koplin, eine Autorin, die im Pseudonym schreibt, baute ein unterhaltsames Setting, dazu positiver Migrationshintergrund mit einer anständigen Portion Emotionen. Kleine Unstimmigkeiten sollte man verzeihen, für zwei spannende Leseabende eine wirkliche Empfehlung. Bitte nicht das Innencover lesen, einmal mehr spoilert dies die ganze Story. Wozu?

Die Guten und die TotenKim Koplin, Suhrkamp, 254 Seiten

Die Guten und die Toten

Kim Koplin, Suhrkamp, 254 Seiten