„Die Kunst hat mich immer gerettet“

Kultur / 06.06.2023 • 18:59 Uhr
Konstantin Wecker tritt am 13. Juni im Kulturhaus Dornbirn auf. HERBERT NEUBAUER
Konstantin Wecker tritt am 13. Juni im Kulturhaus Dornbirn auf. HERBERT NEUBAUER

Konstantin Wecker am 13. Juni mit einem Solo zu zweit im Kulturhaus Dornbirn.

Worauf kann sich das Publikum in Dornbirn freuen?

Wecker Auf ein sehr musikalisches, sehr poetisches Konzert, aber natürlich werde ich auch zur Kriegssituation in der Ukraine Stellung nehmen. Es wird ein Konzert, das sich auch viel mit Liedern aus meiner Jugend beschäftigt.

Wie würden Sie Ihre musikalische Reise beschreiben, die Anfang der 70er-Jahre begann und hoffentlich noch länger andauert?

Wecker Das hoffe ich auch (lacht). Man wird bei diesem Konzert spüren, dass mein Liedermacher-Ziehvater eigentlich immer der Schubert Franzerl war. Ich bin ein bekennender Schubert-Freund. Ich werde in Dornbirn ein bayrisches Lied spielen, das ich Schubert gewidmet habe. Ich komme ursprünglich aus der klassischen Musik und habe mich gerade in den letzten Jahren wieder der klassischen Musik angenähert. Natürlich habe ich auch viele andere musikalische Versuche gemacht. Ich habe mit Jazzern zusammengearbeitet, mit Wolfgang Dauner und Charlie Mariano, aber eigentlich bin ich meiner musikalischen Herkunft immer treu geblieben. Darauf werde ich in Dornbirn auch eingehen, denn mein Vater war Opernsänger und ich habe als Knabe eine unglaublich schöne Traviata gesungen (lacht). Ich war ein toller Knabensopran und werde in Dornbirn eine Tonbandaufnahme aus diesem Konzert von 1959 spielen.

Sie haben mehr als 40 Alben produziert. Gibt es ein Album oder einen Song, der für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Wecker Ganz spannend war Anfang der 80er-Jahre meine Platte „Liebesflug“, spannend deshalb, weil ich gerade mit dem „Willy“ als politischer Sänger bekannt geworden war. Und dann dieses Album mit Liebesliedern. Ich wurde von allen Kritikern und auch vom Publikum gnadenlos zerrissen. Aber: Das war mir egal, denn ich musste immer meiner Poesie folgen. Meine 600 Liedtexte und die vielen Hundert Gedichte habe ich nie von meinem Verstand bestimmend geschrieben, sondern sie sind mir passiert. Ich bin immer meiner Poesie gefolgt und nicht umgekehrt. Gott sei Dank, denn meine Poesie war immer klüger als ich.

Sie haben sowohl solo als auch mit großartigen Künstlern Musik gemacht.

Wecker Wenn ich daran denke, mit wem ich zusammenarbeiten durfte, um nur ein paar ganz wenige zu nennen: Mercedes Sosa, Lucio Dalla – in Dornbirn werde ich auch ein Lied von ihm singen, das er mir persönlich erlaubt hat, ins
Deutsche zu übersetzen – Pippo Pollina, mit dem ich bald einige
Konzerte geben werde. Was habe ich Dieter Hildebrandt verehrt. Er war ein ethisch unbeirrbarer Mensch, der mich vor vielen Dummheiten bewahrt hat (lacht). Insgesamt gab es viele Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich unglaublich gerne zusammengearbeitet habe.

Blicken Sie zufrieden auf Ihr Leben zurück?

„Wenn mein Ende nicht mehr weit ist,

ist der Anfang schon gemacht.

Weil´s dann keine Kleinigkeit ist,

ob die Zeit vertane Zeit ist,

die man mit sich zugebracht.“

Wecker Ich blicke dankbar auf mein Leben zurück, weil ich unglaublich viel geschenkt bekommen habe. Ich habe im Laufe meines Lebens auch unglaublich viel Mist gebaut. Was mich vor dem Schlimmsten bewahrt hat, und das verstehe ich mit Dankbarkeit, ist das Geschenk, dass ich mithilfe der Poesie ganz tief in mich eindringen konnte. Ich erinnere mich, dass ich als junger Mann schrecklich eitel war. Ich hatte eine Phase, wo ich einen bodenlangen Nerzmantel trug, weil ich dachte, das sei wahnsinnig cool. Wenn ich Fotos von damals sehe, schäme ich mich richtig. Ab und an kamen Frauen auf mich zu, sahen mich an und meinten kopfschüttelnd: ‚Sie wollen diese Lieder geschrieben haben? Das glaube ich nicht.‘ Und sie hatten recht: In meinen Liedern habe ich meine Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit zugelassen, in meinem Ego überhaupt nicht. Alles in allem also ein Rückblick voller Dankbarkeit, mir wurden Melodien geschenkt, mir wurden Verse geschenkt, wahre Geschenke. Die Kunst hat mich immer gerettet.

Die sogenannten Klimakleber sind in aller Munde, wie stehen Sie zu deren Protest?

Wecker Ich werde am 16. Juni eine Erklärung veröffentlichen, in der ich mich klar auf die Seite dieser „Last Generation“ stelle. Das
sind junge Menschen, die sich zu Recht maßlos darüber aufregen, dass die Industrie, die Wirtschaft nichts gegen die Klimakatastrophe unternimmt. Wir dürfen nicht
vergessen: Das sind junge Menschen, die vielleicht im Alter von 50, 60 Jahren nicht mehr atmen können. Sie haben mein volles Verständnis.