Ihr seid’s immer gleich so extrem

Kultur / 16.06.2023 • 18:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Morbus Hysteria. Wir haben alle recht“ des Aktionstheater Ensembles ist im Theater Kosmos zu sehen. VN/RP
„Morbus Hysteria. Wir haben alle recht“ des Aktionstheater Ensembles ist im Theater Kosmos zu sehen. VN/RP

Das Aktionstheater Ensemble präsentiert Morbus Hysteria im Rahmen des Bregenzer Frühlings.

Bregenz Die Frage, was muss und was soll Theater können, ist so alt wie das Theater selbst. Schon im 5. Jahrhundert vor Christus ging es neben mythologischen Themen immer um die Schicksalsgebundenheit der Menschen (z. B. Ödipus, Antigone – mit diesem Stück begann 1989 auch der Aufstieg des Martin Gruber).

Der Wunsch nach Themen, die unter die Haut gehen und von hoher Relevanz sind, befeuerte schließlich auch den Wunsch nach einer Verbindung zum passiven Publikum. Der Schauspieler sollte nicht nur in seinem „eigenen Sud“ köcheln und sich dem göttlichen Schicksal unerbittlich beugen, sondern als Vermittler fungieren, der das Publikum aufklärt, Denkanstöße gibt, Perspektiven eröffnet und dem Publikum einen Spiegel vorhält.“

„Aktionisten“

Die Liste der verschiedensten Morbi ist ellenlang, Morbus Kitahra (Netzhaut-
erkrankung des Auges), Morbus Hansen (Lepra), Morbus d’Acosta (Höhenkrankheit), Morbus Pfeiffer (Drüsenfieber) etc. Das Aktionstheater hat sich dieses Mal für den Morbus Hysteria entschieden, den es so in der Nomenklatur zwar nicht gibt, der aber, ehrlich gesagt, erfunden werden müsste. Fünf Schauspieler(innen): Michaela Bilgeri, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanek. Sie alle sind durch und durch „Aktionisten“ und haben die Aktionstheater-DNA in ihrem Blut. Es ist immer ein großes Vergnügen einem scheinbar so unbedarft dreinschauenden Thomas Kolle zuzusehen, oder in das wunderbar Grimassen schneidende Gesicht einer Kirstin Schwab zu blicken.

Hinter der Tribüne des Publikums agiert eine äußerst stimmenstarke Band mit Nadine Abado, Andreas Drauböck und Pete Simpson, und immer, wenn sie zu spielen beginnen, klinkt sich das Ensemble aus und ist zu einem Line-Dance gezwungen. Mechanische Puppen, Hoffmannsche Coppélien gleich. Das Bühnenbild im Carré angeordnet, turmhohe, düstere Laubbäume bewegen sich im Wind und dann und wann schleicht/huscht ein Wolf vorbei.

Man kann immer noch dazulernen, so unter anderen dass Eiernockerl mit grünem Salat zu Hitlers Leibspeisen gehörte, dass es ein Tool gibt, wie man Diversität berechnen kann, dass das Gegenteil von Empathie Ekpathie ist und wie Pferde, Fasane und Frösche in ihren jeweiligen Landessprachen, wiehern, balzen und quaken. Köstlich. Sehr gut auch der exaltierte Auftritt von Benjamin, der sich darüber echauffiert, dass man sich als Mensch auch für einen Wal ausgeben und sich dies auch amtlich bescheinigen lassen kann (dazu muss man sich nur eine Walmaske aufsetzen, sagen ich bin ein Wal, und schon wird man zum Wal). Daran erkennt man nicht nur die grenzenlose Dummheit der Menschheit, die Banalität wird zum Dauerbrenner, das nervtötende Gequassel wird zum Credo erhoben, und nicht nur „Leichen“, sondern Bubbles und Worthülsen pflastern unsere Wege.

Wucht, Tiefgang und Verve

Und das Allerschlimmste an der ganzen Sache ist, dass uns die Wirklichkeit mit 100 Sachen rechts und links überholt. Zugegeben, man hat schon etwas gehaltvollere und dynamischere Texte vom Aktionstheater vernommen. Man denke nur an „Dantons Tod spielen“ (1996) oder „Wie geht es weiter“ (2019), allesamt Texte mit unglaublicher Wucht und Tiefgang, mit Verve und naturgemäß mit viel Redundanz, eines der Markenzeichen des Aktionstheater Ensembles oder besser gesagt, dessen Gründers Martin Gruber. Gruber ist ein begnadeter Spiegelträger coram publico, Gruber hält das Brennglas dorthin, wo es anfängt wehzutun, Gruber kann mit scheinbaren Banalitäten und anderen Nichtigkeiten einen Staat machen. Aber er kann sich noch so anstrengen, die Wirklichkeit wird er nie einholen. Schlimmer geht immer. THS

Die Banalität wird bei Morbus Hysteria zum Dauerbrenner.
Die Banalität wird bei Morbus Hysteria zum Dauerbrenner.