Lebenslügen zum Jahreswechsel

Theater Wagabunt präsentiert Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“.
Dornbirn Eines muss man Regisseur Stephan Kasimir lassen, der Zeitpunkt der Aufführung von Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“, dessen Todestag sich 2024 zum 30. Mal jährt, hätte besser nicht gewählt werden können. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, eine Zeit des Überflusses, in allem und von allem, ob gutes Essen oder Verwandtschaftsbesuche, eine Zeit der seelischen wie körperlichen „Verstopfungen“, aber auch die Zeit der Raunächte, eine Zeit der Beschwörungen und letztendlich eine Zeit des Exorzierens, war geradezu perfekt für Schwabs bitterböse Farce, zugleich auch komödiantisches Feuerwerk in neuartigem Sprachaberwitz. Mit deren Uraufführung im Jahre 1990 begann der kometenhafte Aufstieg des Autors und eine Zeit lang gehörte Schwab zum meistgespielten Dramatiker im deutschsprachigen Raum, bis er sich in der Silvesternacht auf 1994 (sic!) buchstäblich zu Tode soff. Insofern war der von Kasimir gewählte Aufführungszeitpunkt ein quasi von Schwab vorgegebener. Drei ältere Damen, Erna, Grete und Mariedl treffen sich regelmäßig zum Klatsch in Ernas Wohnküche und schwadronieren in Monologen, Dialogen über ihre Träume, Wünsche, Hoffnungen. Lebensbeichten, die nur so von Waldheimat, Nazitum, Fäkalien und Volkstümelei strotzen.
Trio Infernal
Helga Pedross ist schlichtweg eine Idealbesetzung für Mariedl, Klofrau von Beruf und noch mehr aus Berufung, die immer wieder enthusiastisch von ihrer Leidenschaft, die verstopften Aborte der feinen Leute zu reinigen, berichtet „Die Mariedl macht es auch ohne“, gemeint ist, die Säuberung der Aborte ohne Gummihandschuhe, dafür ist Mariedl bekannt. Herrlich auch Wolfgang Pevestorf als Erna, mit einer entzückend antiquierten Pelzhaube auf dem Kopf. Seine Mimik immer noch vom Feinsten. Vielleicht eine Spur zu aufgesetzt Robert Kahr als Grete, doch auch sie eine Augenweide mit ihrer blonden 1950er-Jahre Rockabilly-Frisur-Perücke. Auf gut 4 m2 Fläche schafft es Kasimir, die drei Akteure glanzvoll agieren zu lassen. Drei Stühle, ein Tisch, darauf zuerst ein kleiner Fernseher, aus dem Off ist die Stimme von Karol Józef Wojtyla alias Papst Johannes Paul II. zu hören, der den weihnachtlichen „Urbi et Orbi“-Segen spricht. Danach muss die Tischfläche nur noch für drei Gläser und eine Flasche Grüner Veltliner herhalten, an dem sich die drei Präsidentinnen gütlich tun, und ab geht die unvermeidliche Fahrt ins Verderben. Abwechselnd deklamieren die drei über ihre Befindlichkeiten, delektieren sich jeweils genüsslich am Unvermögen bzw. dem Scheitern des anderen; der Pfarrer hat auf einem Volksfest, das „die Präsidentinnen“ besuchten, für Mariedl drei Geschenke in den Aborten versteckt (eine Dose mit ungarischem Gulasch, eine Flasche Bier, ein Fläschchen mit französischem Parfüm), die sie allesamt mit Bravour aus den verstopften Toiletten fischt. Aber währenddessen Mariedl von ihrer erfolgreichen „tour de force“ erzählt, rückt sie die Erzählungen der beiden anderen Damen in ein gänzlich neues Licht. Schonungslos zerlegt und zertrümmert sie die Geschichten von Erna und Grete als Lebenslüge und unterschreibt damit auch schon ihr Todesurteil. Sie wird von den beiden umgebracht (sie schneiden ihr den Hals durch). „Lebensgefährlichkeit an der Lebensoberfläche“, konstatiert Grete. „Die graben wir im Keller ein, weil die feinen Leut sagen ja auch immer: Jeder Mensch in diesem Land hat seine Leich im Keller.“ In Schwabs Stück liegen die Leichen nicht im Keller, hier sind sie auf der Bühne. Langanhaltender Applaus für Darsteller, Regie und Bühne/Kostüme (Caro Stark). tsh
