Wie die Wintersonne, die nur an manchen Tagen scheint

Im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte gastierten die Wiener Symphoniker unter Alexander Soddy mit dem Ausnahmeviolinisten Augustin Hadelich im Festspielhaus.
Bregenz Traditionellerweise ist im Jänner der Auftritt der Wiener Symphoniker im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte und es ist auch jenes Konzert, das immer als erstes der Meisterkonzerte ausverkauft ist. So auch dieses Mal. Was aber dieses Mal wohltuend auffallend war, trotz des kalten Hartungs, es war nahezu kein einziges Hüsteln im Saal zu vernehmen und das Publikum konnte sich von Anfang an voll und ganz auf den berühmten “Tristanakkord” (Vorspiel und “Isoldes Liebestod” aus Wagners “Tristan und Isolde”), der oft als Startsignal der musikalischen Moderne gedeutet wird, fokussieren, denn die Violoncelli-Töne kamen in einem wunderbaren Pianissimo, warm, dunkel, körperlich spürbar. Die Musik beginnt nicht, sie schwebt, schwerelos – wie der Akkord selbst, der kein Ausrufezeichen, sondern ein Geheimnis birgt. Sehnsucht, Verlangen – die Erfüllung aber – gibt es erst im Tod.

Für Thomas Mann, der Wagner stets kritisch gegenüberstand und ihn sinngemäß ein “Genie der Verführung” (Mann selbst war ja auf seine eigene, kühle, intellektuelle Art ein gewiefter Verführer) nannte, sah in “Isoldes Liebestod” die musikalische Vision einer Erlösung, die nicht moralisch, sondern rauschhaft ist – eine Selbstauflösung des Ichs im Namen absoluter Liebe, und damit sind wir schon beim programmatischen Thema des Abends, denn allen drei Werken, ob nun Wagners “Isoldes Liebestod”, Sergej Prokofjews “Konzert für Violine und Orchester Nr. 2” und Edward Elgars “Enigma-Variationen”, sind zutiefst psychologisch, musikalische Innensichten und intime Porträts, Musik als Charakterstudie von inneren Zuständen – melancholisch, verletzlich, manchmal aber auch ironisierend. Wagner dehnt die Tonalität bis an ihre Grenzen, Prokofjew legt eine kammermusikalische Schärfe mit kantigen Einschüben an den Tag und Elgar reizt hochromantisch und farblich subtil die Enigma-Variationen aus.

Augustin Hadelich spielte Prokofjews 2. Violinkonzert als Hochpräzisions-Psychogramm, seine Virtuosität ist schlicht beeindruckend. Hadelich wirkt nie demonstrativ, kein Gerieren, kein Forcieren, keine Schau-Akzente. Stattdessen noble Zurückhaltung, technisch makellos, glasklare Spiccati. Sein Vibrato ist unglaublich kontrolliert, nie sentimental; mühelos und leicht lässt er die technischen Schwierigkeiten in seinem Spiel verschwinden und er gibt Prokofjews bittersüßer Tonsprache jene “bissige Eleganz”, die dieses Stück benötigt.

Als Zugabe Coleridge-Taylor Perkinsons “Louisiana Blues Strut”, das Hadelich schon öfter auf seiner Giuseppe Guarneri del Gesù aus dem Jahr 1744 zum Besten gab. Was für eine Kombination. Crossover trifft auf eine Violine des 18. Jahrhunderts! Der “Swing” im Stück wird auch hier von Hadelich nicht übertrieben behandelt, er bleibt messerscharf.

Zum Schluss Elgars Enigma-Variationen, mit der finalen Variation E.D.U., ein triumphierend orchestraler Höhepunkt. Großes Kompliment dem Solocellisten, dem Solobratschisten und den Bläsern. Der britische Dirigent Alexander Soddy führte das Orchester mit viel Körpereinsatz und bewundernswerter Beinarbeit souverän durch einen technisch wie auch musikalisch äußerst anspruchsvollen Abend. Als Zugabe eine herrliche “Wiener Melange”: Johann Strauss (Sohn) “Annen-Polka” und “Vergnügungszug”. Thomas Schiretz
