Schlaflose Träume als gemeinsamer Klang

Kultur / 02.02.2026 • 13:48 Uhr
Bregenz am 1.2.2026 SOV Symphoniorchester Vorarlberg, Konzert Nr
Das gemeinsame Konzert des Symphonieorchesters Vorarlberg und des Jazzorchesters war ein großer Erfolg. Dietmar Mathis

Wenn Jazz- und Symphonieorchester zusammenfinden, entsteht etwas Besonderes.

Bregenz Mit der Uraufführung von „Insomniac Dreams“ von Martin Eberle und Benny Omerzell wagten das Symphonieorchester Vorarlberg und das Jazzorchester Vorarlberg am Sonntag im Bregenzer Festspielhaus ein Projekt, das bewusst auf Durchlässigkeit setzte. Dabei ging es nicht um das Nebeneinander zweier Klangwelten, sondern um deren gezielte Verbindung. Der Abend widmete sich einem Zustand zwischen Wachen und Träumen, einem musikalischen Raum, in dem Struktur und Offenheit, Notation und Improvisation als gleichwertige Kräfte gedacht waren.

Bregenz am 1.2.2026 SOV Symphoniorchester Vorarlberg, Konzert Nr
Martin Eberle (rechts) und Benny Omerzell (links) komponierten das uraufgeführte Werk. Dietmar Mathis

Dass diese Begegnung mehr war als ein punktuelles Crossover, zeigte bereits der Hintergrund des Projekts. Das Jazzorchester Vorarlberg wurde 2005 als Big Band von Martin Eberle und Martin Franz gegründet und hat sich inzwischen zu einer zentralen Plattform der regionalen Jazz- und Improvisationsszene entwickelt. Der Dialog mit anderen Genres sowie mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern gehört seit Langem zu seinem Profil. Vor rund zwei Jahren entstand mit„Sonos Variegata“ eine erste gemeinsame Komposition von Martin Eberle und Benny Omerzell. Dieses Werk überzeugte den damaligen Geschäftsführer des Symphonieorchesters Vorarlberg, Sebastian Harzott, so nachhaltig, dass er die beiden zu einer weiteren Zusammenarbeit einlud, diesmal zu einem abendfüllenden Projekt mit beiden Orchestern.

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Das Ergebnis ist eine rund 80-minütige Komposition, bestehend aus drei Sätzen von Benny Omerzell und vier Sätzen von Martin Eberle. Ursprünglich als getrennte Blöcke konzipiert, entschieden sich die Komponisten im Verlauf der Proben für eine ineinandergreifende Dramaturgie. Die Sätze wurden neu angeordnet und miteinander verschränkt. „Als wir merkten, wie selbstverständlich sich unsere Musik verbindet, erschien es stimmiger, die einzelnen Teile miteinander zu verschränken“, erläuterte Eberle. So entstand eine durchgehende Form mit fließenden Übergängen. Charakteristisch für „Insomniac Dreams“ war die Offenheit des Konzepts. Zwar lag eine detaillierte Partitur vor, doch entwickelten Eberle und Omerzell eine eigene Notations- und Zeichensprache, die es erlaubte, im Moment der Aufführung gestaltend einzugreifen. Improvisation war dabei kein additives Element, sondern integraler Bestandteil des kompositorischen Denkens.

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Polyrhythmische Strukturen hielten den Puls präsent, ohne ihn eindeutig festzuschreiben. Melodische Linien tauchten auf, veränderten sich, wanderten durch die Instrumentengruppen und kehrten in neuer Gestalt zurück. Besonders überzeugend gelang die klangliche Verzahnung der beiden Orchester. Das Jazzorchester erweiterte den symphonischen Apparat um eine elektronische Rhythmusgruppe mit Schlagzeug, E-Bass, E-Gitarre und Keyboards. Improvisierende Holz- und Blechbläser setzten zusätzliche Akzente. Die Streicher des Symphonieorchesters sorgten für räumliche Spannweite und klangliche Fundierung, in die sich das Material einfügte.

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Entscheidend war dabei die Aufstellung: Die Rhythmusgruppe bildete als zentrales Klangzentrum den Ausgangspunkt des musikalischen Geschehens. Klangästhetisch bezog sich das Werk auf unterschiedliche Traditionen. Anklänge an den französischen Impressionismus standen neben repetitiven Strukturen der Minimal Music. Einflüsse zeitgenössischer elektronischer Musik verbanden sich mit einer dunklen, melancholischen und zugleich offenen Grundhaltung, wie man sie aus dem Art Pop kennt. Besonders im Satz „Detuned Reality“ von Benny Omerzell, der von einem bewusst instabilen Synthesizerklang ausgeht, verdichtete sich diese Ästhetik, wenn sich der Klang allmählich verschob und in offenere Improvisationsräume führte.

Bregenz am 1.2.2026 SOV Symphoniorchester Vorarlberg, Konzert Nr

Was an diesem Abend hörbar wurde, verstand Martin Eberle auch als Haltung. Er sprach von einem Modell der Zusammenarbeit, das von Aufmerksamkeit, Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägt sei. Diese Haltung spiegelte sich im Zusammenspiel der Musikerinnen und Musiker, in der präzisen Reaktion aufeinander und im gemeinsamen Gestaltungswillen wider. So entzog sich „Insomniac Dreams“ bewusst einer eindeutigen Zuordnung. „Es ist nicht mehr ganz das Symphonieorchester und nicht mehr ganz das Jazzorchester“, formulierte Eberle, „sondern ein gemeinsamer Klangkörper.“ Der Abend wurde damit zu einer musikalischen Setzung, die über den einzelnen Anlass hinauswies.

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Großer Jubel und Standing Ovations waren der Beweis dafür, dass das Engagement des SOV, auch Uraufführungen einem großen Publikum zu präsentieren, aufgeht. Vor allem für Vorarlberger Komponisten bietet sich dadurch eine schöne Plattform im Feldkircher Montforthaus und im Festspielhaus. Dafür sei dem Symphonieorchester Vorarlberg gedankt.

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