Der erwünschte Fehler im System

Kultur / 05.02.2026 • 15:03 Uhr
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Einem Teil von Philipp Leissings Arbeit liegt die Beschäftigung mit der gestalteten Oberfläche von Verpackungen zugrunde.Philipp Leissing

Sophie Dvořák und Philipp Leissing mit einer gemeinsamen Ausstellung im Bildraum Bodensee.

Bregenz Im Bildraum Bodensee treffen mit Sophie Dvořák und dem Bregenzer Philipp Leissing zwei künstlerische Positionen aufeinander, die aus unterschiedlichen Richtungen an einer gemeinsamen Fragestellung ansetzen: Wie strukturieren abstrakte Systeme unsere Wahrnehmung von Welt, und was geschieht, wenn ihre scheinbare Objektivität unterlaufen wird. Die Ausstellung, die am Samstag, 7. Februar, um 18 Uhr eröffnet und bis zum 3. April zu sehen ist, entfaltet sich als präzise gesetzter Dialog über Form, Material, Wahrnehmung und Machtverhältnisse.

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Sophie Dvořák beschäftigt sich mit Fragen, die sich auf Raum und Territorien und deren Repräsentationscodes, Geschichte und Wahrnehmung beziehen.Sophie Dvořák

Ausgehend von Überschneidungen im Denken über Abstraktion stellen Dvořák und Leissing ihre Arbeiten nicht konfrontativ gegenüber, sondern nebeneinander. Die Werke treten in Beziehung, widersprechen einander, ergänzen sich oder laufen parallel. Verfahren wie Vermessen, Übertragen, Kartieren und Neuformieren dienen dabei nicht der Herstellung von Übersicht, sondern öffnen den Blick für Unschärfen, Brüche und Leerstellen. Die Ausstellung verzichtet bewusst auf ein geschlossenes Narrativ und entwickelt stattdessen einen offenen Denkraum, in dem Fragen wichtiger sind als Antworten.

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Philipp Leissing

In beiden Werkgruppen spielt das Material eine zentrale Rolle. Es fungiert nicht als neutraler Träger, sondern bestimmt die formale und inhaltliche Lesart entscheidend mit. Philipp Leissing treibt die Abstraktion voran, indem er medial hoch aufgeladene Bildträger konsequent reduziert. Geldscheine werden auf Farbe und Struktur zurückgeführt, Verpackungen Schicht für Schicht von ihrer ursprünglichen Funktion gelöst. In der Auseinandersetzung mit Spielfilmen entfernt Leissing die handelnden Figuren vollständig. Übrig bleiben Räume, Kulissen und Hintergründe, die normalerweise als bloße Staffage fungieren. In seinen Videoarbeiten entstehen aus vielfach bearbeiteten Einzelbildern neue Rhythmen und Bildfolgen, die den ursprünglichen filmischen Zusammenhang auflösen. Der Raum selbst wird zum eigentlichen Protagonisten.

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Philipp Leissing

Sophie Dvořák richtet ihren Blick auf Systeme der Welterfassung, die den Anspruch von Neutralität und Objektivität erheben. Karten, Archive und Sammlungen – Instrumente der Ordnung und Klassifikation – werden von ihrem Informationsgehalt entleert und auf ihre materiellen, formalen und oft übersehenen Eigenschaften hin untersucht. Dvořák interessiert sich für Randzonen, Fragmente und das scheinbar Nebensächliche. Ihre Arbeiten entziehen sich einer rein analytischen Lesart. Sie lassen sich als Modelle, als Landschaften oder als Räume lesen, ohne sich eindeutig festlegen zu lassen.

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Sophie Dvořák

Beide Positionen verbindet der kritische Umgang mit Abstraktionen wie Geld oder Karten, die Vergleichbarkeit und Kontrolle versprechen. Indem Dvořák und Leissing diese Systeme ästhetisch freilegen, wird ihre Funktionsweise sichtbar. Abweichungen, Brüche und Verschiebungen sind dabei kein Störfaktor, sondern integraler Bestandteil der Arbeiten. Sie relativieren den Anspruch auf Vollständigkeit und verweisen auf die Begrenztheit jeder Form von Ordnung.

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So versteht sich die Ausstellung weniger als Kommentar zur Welt denn als Untersuchung ihrer Darstellungsformen. Sie zeigt, dass Abstraktion nicht nur Vereinfachung bedeutet, sondern auch Verlust, Auslassung und Interpretation und dass gerade darin ihr kritisches Potenzial liegt.