Begeisterung, Neugier und große Stimmen

Die “Pforte um 8” im Festsaal der Stella war eine musikalische Einladung zur Vielfalt.
Feldkirch Am Freitagabend trafen im Festsaal der Stella-Musikhochschule Feldkirch ein selten gespieltes Werk der Wiener Moderne, ein kanonisches Spätwerk Mozarts und eine orchestrale Hommage an Miriam Makeba aufeinander, nicht als bloße Kontrastfolie, sondern als bewusst gesetzte Stationen musikalischer und gesellschaftlicher Erfahrung.
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Den Auftakt bildete die Sinfonie für Streichorchester von Vilma von Webenau, einer heute kaum noch bekannten Komponistin. Sie war Schülerin Arnold Schönbergs und stand somit in unmittelbarer Nähe eines epochalen Umbruchs. Die Sinfonie gehört nicht zu den Werken, die sich mit zwingender Notwendigkeit ins Repertoire drängen, Webenaus Tonsprache verbleibt in der erweiterten Tonalität des frühen 20. Jahrhunderts, arbeitet mit chromatischen Verschattungen, dichter Harmonik und kontrapunktischer Spannung, ohne die Schwelle zur Atonalität zu überschreiten. Man hört eine Komponistin, die die Möglichkeiten ihrer Zeit kennt, sie sorgfältig auslotet, aber vor dem letzten Schritt innehält.

Mit Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 rückte anschließend ein Werk ins Zentrum, dessen Qualität keiner Rechtfertigung bedarf und dessen Größe sich im Verzicht auf äußerliche Effekte zeigt. Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, übernahm den Solopart und zugleich die Leitung des Orchesters, eine Doppelrolle, die dem dialogischen Charakter des Werks spürbar entgegenkam. Mozarts Klarinette ist hier keine virtuose Selbstdarstellerin, sondern eine sprechende, atmende Stimme, die sich selbstverständlich durch alle Register bewegt und stets in Beziehung zum Orchester bleibt. Schorn gestaltete diese Linie mit klanglicher Selbstverständlichkeit, zurückhaltender Präzision und einem Gespür für die Ruhe, die dieses späte Werk prägt. Besonders im Adagio entfaltete sich jene schlichte Eindringlichkeit, die aus Kontrolle entsteht und den Raum zwischen den Tönen ebenso ernst nimmt wie die Töne selbst. Das Finalrondo gewann seine Leichtigkeit aus formaler Klarheit; es war tänzerisch im Gestus und doch sorgfältig gebaut. Die jungen Musiker begleiteten transparent und aufmerksam, nie bloß stützend, stets im Dialog, sodass sich ein Gesamtbild von großer Ausgewogenheit ergab.

Nach der Pause öffnete sich der Abend in eine andere Richtung. „A Tribute to Miriam Makeba“ vereinte Songs der südafrikanischen Sängerin in orchestralen Arrangements von Ursula Reicher, Laura Winkler und Raphaela Fröwis. Dabei wurde musikalische Vielfalt mit biografischer Erinnerung verbunden. Miriam Makeba war mehr als eine Sängerin; sie war eine Stimme, die sich weder musikalisch noch politisch einhegen ließ und deren Lebensweg untrennbar mit Exil, Widerstand und öffentlicher Haltung verbunden blieb. Das Pforte Kammerorchester Plus, bestehend aus Musiker der Iberacademy Medellín, der Bochabela Strings Bloemfontein, der Stella Musikhochschule Feldkirch und weiteren europäischen Hochschulen, verlieh dieser Hommage eine klar internationale Prägung. Kamohelo Moshoaliba und Sicelo Christopher Njapha überzeugten als Sänger mit Leidenschaft, rhythmischer Sicherheit und einer Natürlichkeit, die den Liedern ihre Herkunft ließ, ohne sie folkloristisch zu verengen. In einzelnen Songs ergänzte Martin Lindenthal das Ensemble.

Diese letzte Programmhälfte verwandelte den Festsaal in einen vibrierenden Raum gemeinsamer Erfahrung, in dem sich Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich in Begeisterung verwandelte und Musik nicht erklärt werden musste, weil sie unmittelbar wirkte. Die Energie, die von der Bühne ausging, sprang spürbar auf das Publikum über und machte deutlich, dass Miriam Makebas Lieder auch in orchestraler Gestalt nichts von ihrer Direktheit, Wärme und Kraft eingebüßt haben. Großer Applaus und beste Stimmung zeigten, wie sehr diese Musik berührt, verbindet und mitreißt. So spannte sich an diesem Abend ein weiter, lebendiger Bogen von der suchenden Moderne über die klassisch gereifte Klarheit Mozarts bis hin zu einer Musik, die aus gelebter Geschichte, Haltung und Lebenslust spricht.