Wer klopft an der Tür?

Kultur / 10.02.2026 • 14:06 Uhr
Foto Tomi Scheiderbauer
„This too shall pass” in der Unterführung und “Tattarrattat” in der Kunstbox am Jahnplatz. Tomi Scheiderbauer

Tomi Scheiderbauer präsentiert in Feldkirch seine neueste Kunstinstallation.

feldkirch Tomi Scheiderbauer ist zweifelsohne einer der umtriebigsten und vielseitigsten Figuren in der Vorarlberger Kunstszene. Seine künstlerischen Engagements vor allem als Initiator des Künstlerkollektivs c a l c (1991), seine Zusammenarbeit mit Pipilotti Rist und vielen anderen mehr, aber auch sein Engagement in seiner derzeitigen Heimatstadt Lecce, einem der Ankunftsorte für Geflüchtete aus Afrika, sind nicht nur legendär, sie sind bewundernswert. Er entwickelt dort partizipative Projekte, die Lebensrealitäten sichtbar machen und Menschen aktiv mit einbeziehen – getreu seinem künstlerischen Credo: „A real Artist is a Partist“ (ein Wortspiel aus Artist und Partizipation). Scheiderbauer ist vor allem als Foto-, Grafik- und Kontextkünstler, aber auch als Kurator und Produzent sowie seit 2025 auch als Autor tätig.

Foto Tomi Scheiderbauer
Tomi Scheiderbauer

Seine neueste Installation ist derzeit in Feldkirch zu sehen und trägt den Titel „This too shall pass” (in der Unterführung) und „Tattarrattat“ in der Kunstbox am Jahnplatz. Dazu Scheiderbauer: „Die Worte leuchten in den additiven Grundfarben Rot, Grün und Blau. Im Auge des Betrachters addieren sie sich zu reinem Weiß, dem vollständigen, sichtbaren Licht. Die Hintergründe der vier Worte erscheinen in den subtraktiven Grundfarben Türkis, Fuchsia und Gelb. Diese mischen sich bei Überlagerung zu Schwarz – der Abwesenheit von Farbe und Licht“. Dieser Kontrast von Subtraktion und Addition lässt dem lichten, schlichten Satz – im Deutschen gibt es keine perfekte Entsprechung – „auch das geht vorbei, oder auch dies wird vorübergehen, alles ist vergänglich“, seine zeitlose Gültigkeit. Wie sagte eine Passantin beiläufig im Vorbeigehen: „Trump stirbt auch einmal“. Damit hat sie wohl recht, wir alle werden einmal sterben – nichts auf dieser Welt ist von ewiger Dauer.

Foto Tomi Scheiderbauer
Tomi Scheiderbauer

Die Installation „Tattarrattat“ nimmt Bezug auf einen der einflussreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, James Joyce, der 1932 über mehrere Wochen im Hotel Löwen in Feldkirch gewohnt hat und angeblich dort auch an seinem Roman „Finnigans Wake“ geschrieben haben soll. „Tattarrattat“ ist ein Klopflaut, den Joyce zwischen 1919 und 1920 für seinen Roman „Ulysses“ erdacht haben soll – und zwar das Klopfen an die berühmteste Tür, die Tür der 7 Eccles Street betreffend. Dort wohnt nämlich Lepold Bloom. Die Adresse ist real. Die ursprüngliche Haustür wurde gerettet, bevor das Haus abgerissen wurde und befindet sich heute im James Joyce Centre/Dublin. Besucher klopfen symbolisch an diese Tür, um besonders am „Bloomsday“ (16. Juni) in die Welt von Bloom einzutauchen.

Fotos Tomi Scheiderbauer (Bildergalerie)
Tomi Scheiderbauer

„Tattarrattat“ ist aber auch das längste Palindrom, das je in einem literarischen Werk erfunden wurde. Joyce verwendet es als lautmalerische Nachahmung eines Klopfgeräuschs an der Tür: „A loud tattarrattat on the door“ („ein lautes Tattarrattat an der Tür“). Es ist also ein reines Kunstwort, aber sofort verständlich und zeigt in erster Linie Joyces Freude an Klang, Rhythmus und Sprachzerlegung – Wörter haben nicht nur eine Bedeutung, sie tragen auch einen Klang in sich und diese Idee wird von Scheiderbauer aufgegriffen. Eine schöne Posie, der Hall des Klangs zeigt sich durch den Glaskubus in einer Mehrfachspiegelung. „Ich bin radikal zuversichtlich“, so Tomi Scheiderbauer, dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer: sein Wort in Gottes Ohr.

Thomas Schiretz