Monika Helfer: Wer bist du?

Die Hohenemser Autorin stellt ihr neues Buch vor – Spannung garantiert!
Schwarzach Monika Helfer entführt uns in ihrem neuen Buch ins Reich der Spannungsliteratur. „Wer bist du?“, benennt sie es sehr kokett: Ein Mädchen aus der Nachbarschaft, Michaela Beer, die Michi, steht plötzlich vor der Türe der Erzählerin und winkt mit einem 1000 Schilling Schein – wir befinden uns also im alten Jahrtausend, wo Computer und Handys noch in den Kinderschuhen steckten und wir noch voller Instinkte waren, da wir uns viel mehr auf uns selbst verlassen mussten. Die Michi schlürft heiße Schokolade und bleibt einige Stunden bei ihr. Als kleine Reserve für Michi verstecken sie dann die 1000 Schilling beim Haus, in dem die Erzählerin alleine lebt, da ihr geliebter Mann vor einiger Zeit starb. Von dem Moment an hat die Geschichte alle Basics die sie braucht und die Autorin das Geschick, die Story gut weiterzuerzählen. Dazu gibt es kongeniale Zeichnungen von Kat Menschik, die die Geschichte in einer illustrierten Weise erzählt.
Nicht jeder Besuch ist nur freundlich.
Um glaubhaft zu erzählen, bleibt die Autorin immer eng am Ball und bringt präzise Beobachtungen und kleine Ereignisse in die Story, die tatsächlich passiert sein könnten. Auf die Frage, woher sie die Fähigkeit habe, sehr bildlich zu schreiben, antwortet Helfer in unserem Gespräch fast zurückhaltend: „Wenn Sie lange genug gelebt und viel erlebt haben, sind Sie automatisch lebenserfahren.“ Ein Angelpunkt in der Story ist der Moment, wo es läutet, die Erzählerin die Haustüre öffnet, obwohl sie keinen Besuch erwartet. Hier denkt sich der Leser noch, sie soll nicht, obgleich er sich genau das Gegenteil wünscht – dieser Kitzel, wo sich Literatur zu einem Pageturner verwandelt, ist hier unverzichtbar. So will man eigentlich auch gerne wissen, was Monika Helfer im realen Leben empfindet, wenn es in Hohenems bei ihr unerwartet an der Türe klopft: „Dann denke ich, es wird das Weiblein sein, das mir etwas vorbeibringt und ich ihr dafür Geld gebe. Meistens habe ich recht.“
Das zweite Ich
Die Geschichte entwickelt einen guten Sog. Dazu gehört auch die feine Szene mit der Puppe. Eine Puppe, die sich die Erzählerin kauft, um mit dem Mädchen intuitiv in Kontakt zu bleiben. Jedoch benötigt es das Mädchen, das nun tatsächlich erneut vor der Haustüre steht. Dieses Mal, einige Jahre später, und mit einem arglistigen Plan: Sie will bleiben und nicht nur das. Literatur- und Filmklassiker wie Misery sausen einem durch den Kopf, ein Thriller? Warum auch nicht, denkt sich der Leser, aber: „Für mich ist das kein Thriller, eher das Auskundschaften eines zweiten Ichs.“ So stellt die Autorin eine Person zwischen sich und dem Mädchen, eine, die ihr die Geschichte erzählt. Diese erzählende Stimme bedient natürlich gut den Fluss, aber nicht nur das: „Sie können dazu „Trick” sagen. Indem ich eine Person vorschiebe, die ICH sein könnte, muss ich nicht ICH sein. Das gibt Freiheit beim Schreiben.“ Die Situation, wo das nun schon fast erwachsene Mädchen wieder auftaucht und nach der wehrlosen Frau greift, erzeugt ein eigenartiges Gefühl, oder? „Die Frage ist schwierig und kratzt an meiner Biografie. Ich habe mich immer gewehrt, ausgeliefert zu sein. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit wollte ich vermeiden.“ Und dennoch ist das Mädchen ein Teil der Autorin: Auf die Frage, was denn Valerie, so nennt sich das fast erwachsene Mädchen, nach ihrer Rückkehr heute nun so tut, antwortet die Autorin: „Sie sitzt am Computer und schreibt.“ Was uns wieder zum Auskundschaften ihres zweiten Ichs bringt.
MGW