Wenn Bewegung nach Sinn sucht

Kultur / 11.02.2026 • 13:01 Uhr
5132_arias_86.jpg
Der Doppelabend Eyal/Arias im Konzert und Theater St. Gallen stellt suchende Offenheit formaler Konsequenz gegenüber.Gregory Batardon

Sharon Eyal und Bryan Arias zeigen zwei gegensätzliche Wege zeitgenössischer Choreografie.

St. Gallen Der Doppelabend Eyal/Arias im Konzert- und Theater St. Gallen vereint zwei choreografische Handschriften, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Gerade aus dieser Gegenüberstellung entsteht ein Spannungsfeld zwischen suchender Erzählbewegung und kontrollierter formaler Verdichtung, das den Abend prägt und ihm seine ambivalente Wirkung verleiht.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.

Den Anfang macht Bryan Arias mit der Uraufführung “Please, Let Me Dream”, einem Stück, das bewusst mit Unschärfe beginnt. Tänzerinnen und Tänzer schieben Tische, Stühle und einen weißen Bilderrahmen über die Bühne, arrangieren, verwerfen und korrigieren immer wieder. Erst allmählich formt sich aus dieser scheinbaren Provisorik eine choreografische Ordnung. Ein Mann und eine Frau finden zueinander, bewegen sich zu Saxophonklängen beiläufig und fast zärtlich durch den Raum. Doch die Nähe kippt in Reibung, in Stillstand, in eine sprachlose Konfrontation. Während das Paar wie blockiert verharrt, übernimmt das Ensemble eine vermittelnde Funktion. Es wird zum Resonanzraum und übersetzt Missverständnisse und Projektionen in bewegte Gruppenbilder. Gegen Ende verdichten sich diese zu zwei einander gegenüberstehenden Formationen, die einander mit wachsender Härte begegnen. Arias entwirft ein Tableau zwischen Alltag und Traum, zwischen Sehnsucht und Überforderung. Fantasien blitzen auf, darunter mischen sich dunklere Vorahnungen. Immer wieder entstehen prägnante Einzelmomente, überraschende Bewegungsfolgen und sorgfältig gearbeitete Begegnungen der Körper. Gleichwohl bleibt das Stück in seiner Anlage fragmentarisch. Figuren und Motive tauchen auf, werden angerissen und wieder fallengelassen, ohne eine zwingende innere Entwicklung zu durchlaufen. Arias bewegt sich zwischen surrealen, beinah heiteren Situationen und düsteren Zukunftsbildern, findet jedoch kein tragfähiges, verbindendes Prinzip. Es entsteht der Eindruck einer mentalen Reise: irritierend, spielerisch, mit kalkulierter Zumutung, zugleich aber auch mit einer gewissen Beliebigkeit, die das choreografische Material streckenweise ausfransen lässt.

5140_arias_13.jpg
Der Abend lebt von Kontrasten und von der Klarheit einer choreografischen EntscheidungGregory Batardon

Nach der Pause wirkt „Promise” von Sharon Eyal wie eine konzentrierte Setzung. Die im Jahr 2021 entstandene Arbeit entfaltet vom ersten Moment an eine klare formale Logik. Zur pulsierenden Musik von Ori Lichtig stehen fünf Tänzerinnen und zwei Tänzer häufig auf halber Spitze, minimal verschoben, als Teil eines einzigen atmenden Organismus. Die Bewegungen wandern durch die Körper, präzise und diszipliniert, getragen von hoher technischer Kontrolle. Einzelne lösen sich behutsam aus dem Kollektiv, kehren zurück und werden wieder aufgenommen.

5136_eyal_141.jpg
Gregory Batardon

Eyals choreografische Sprache lebt von Reduktion und Wiederholung sowie kleinsten Verschiebungen mit großer Wirkung. Jede Geste ist gesetzt, jede Gewichtsverlagerung folgt einer inneren Notwendigkeit. „Promise” verlangt höchste Konzentration und feinste Abstimmung, absolute Kontrolle über Rhythmus und Körper. Flüchtige Bilder entstehen und vergehen, prägen sich jedoch ein, gerade weil sie nicht erklären, sondern behaupten. So entsteht ein Raum des Vertrauens, eine stille Zuversicht, die die Zukunft nicht als Bedrohung, sondern als Versprechen sieht. Im direkten Nebeneinander der beiden Arbeiten wird deutlich, wie unterschiedlich choreografisches Denken heute sein kann. Arias sucht das Erzählerische, das Assoziative und das Offene. Dabei riskiert er jedoch Unschärfen und lose Enden. Eyal hingegen setzt auf formale Strenge, rhythmische Konsequenz und eine Choreografie, die nichts illustriert und gerade dadurch nachhaltige Eindrücke hinterlässt.