Jubel für „Idomeneo“

Kultur / 16.02.2026 • 15:27 Uhr
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Stehende Ovationen für die Innsbrucker “Idomeneo”-Produktion.Barbara Palffy

Großartige Opernpremiere von Mozarts Geniestreich im Tiroler Landestheater.

innsbruck Am Samstag ging im Tiroler Landestheater die fulminante Neuinszenierung von Mozarts jugendlichem Geniestreich, der Oper „Idomeneo“, durch den Regisseur Henry Mason und unter der Stabführung von Gerrit Prießnitz über die Bühne. Am Ende gab es stehende Ovationen. Die Handlung spielt nach dem Trojanischen Krieg und vereint menschliche Konflikte mit politischen Themen: Idomeneo, König von Kreta, bringt Unheil über sein Volk, weil er sich lange weigert, seinen Sohn Idamante zu opfern, wozu er durch ein Gelübde in Todesgefahr gezwungen ist. Dieser wiederum liebt Ilia, die nunmehr versklavte Tochter des Königs Priamos, die ihn zunächst abweist. Elektra, Schwester des Muttermörders Orest, liebt ihrerseits vergeblich Idamante. Als Idomeneo schließlich Idamante mit dessen Einwilligung opfern will, bietet sich Ilia als Ersatz an. Dieser Sieg der Liebe versöhnt Neptun, eine Stimme verkündet, dass Idamante und Ilia das neue Herrscherpaar werden sollen, Elektra versinkt im Wahnsinn, das Volk jubelt.

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Jakob Noggler (Idamante als Kind) und Camilla Lehmeier (Idamante).Barbara Palffy

Mozarts Musik versteht es meisterhaft, die seelische Komplexität der Figuren in Töne zu kleiden und dramatische Effekte zu schaffen. Der Orchesterpart ist ungemein farbig, und Gerritt Prießnitz schuf mit dem souverän agierenden Tiroler Symphonieorchester Innsbruck die Basis, die das durchwegs sehr gute Sängerensemble unterstützte, ohne die Stimmen zuzudecken. Dovlet Nurgeldiyev verlieh dem Idomeneo mit seinem samtigen, kraftvollen Tenor Glaubwürdigkeit, nur in der Bravourarie „Fuor del mar“ hatte er kleinere technische Probleme. Sensationell in ihrer Bühnenpräsenz und ihrem leidenschaftlichen Singen war Camilla Lehmeier als Idamante. Anastasia Lerman als Ilia spielte exzellent, ihr schlanker Sopran hätte aber noch mehr Ausdruck vertragen. Rasenden Furor verströmte Susanne Langbein als Elektra; in ihrer Wahnsinnsarie riskierte sie sogar einen markerschütternden Schrei. Jason Lee als Arbace und Oberpriester blieb etwas blass. Der hochgewachsene Oliver Sailer war als stummer Neptun in der Uniform eines Generalissimus nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern auch mit seinem fülligen Bass als Orakelstimme. Ein besonderes Lob gebührt dem Chor, der sängerisch wie choreographisch überzeugte.

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Oliver Sailer (Die Stimme / Neptun) mit Susanne Langbein (Elettra).Barbara Palffy

Mason verlegte die Handlung in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Seine psychologisch raffinierte Regie in Verbindung mit den eleganten Kostümen von Jan Meier, der auch das Bühnenbild schuf, den exzellent eingesetzten Videos von Sven Stratmann und dem Lichtdesign von Florian Weisleitner bescherte dem Publikum eine faszinierende Folge von wunderschönen, eindrucksvollen und manchmal geradezu surrealistischen Bildern. Das seelische Geschehen wurde bisweilen durch stumme Figuren weiter ausgedeutet, etwa durch die Doppelung durch Kinder oder durch Rückgriffe in die Vergangenheit; manchmal war das des Guten zu viel. Umso eindrucksvoller gerieten die Szenen, in denen die Sänger lediglich vor einem grauen Vorhang sangen, etwa das Quartett „Andrò ramingo e solo“, in dem alle vier Figuren ihren jeweiligen Schmerz ausdrücken. Sehr effektvoll gelang das Erscheinen des Ungeheuers, doch auch die Ironie fehlte nicht, wenn etwa Neptuns Gesicht als Serie von Riesenbriefmarken erschien. Eingebaute Videos von Kriegszerstörungen aus dem 20. Jh. schlugen den Bogen zur Aktualität, ohne aufdringlich zu wirken. So gelang eine intensive, dichte Aufführung, die keinen kalt ließ – auch weil am Schluss die Utopie eines friedlichen Miteinander gefeiert wurde. 

Ulrike Längle