Kräfte sammeln mit 53 Zuneigungen

Kultur / 16.02.2026 • 14:52 Uhr
Michael Köhlmeier:
Michael Köhlmeier: “Das Gute 53 Zuneigungen”, Hanser 304 SeitenMartin Georg Wanko

Genug ist nie genug, Michael Köhlmeier in bester Schreiblaune.

Schwarzach Der niemals müde werdende Michael Köhlmeier bringt seine Textsammlung „Das Gute 53 Zuneigungen“ heraus. Doch wer nun glaubt, hier wird es kuschelig, der irrt. Es sind sehr präzise Zeichnungen über unsere Gesellschaft und natürlich, wie bei Köhlmeier üblich, ein Blick in seinen reichhaltigen Schatz an Wissen, der von Sagen und Märchen über Geschichtsträchtiges bis hinein in die politische Gegenwart reicht.

Die Macht der Sprache

„Ich kann ohne Sprache nicht erzählen.“ Eines der unzähligen Zitate, die so richtig und wichtig sind und in aller Klarheit erst einmal begriffen werden müssen. Wer sind wir, wenn wir unsere Sprache nicht verwenden und wer sind wir, wenn wir niemanden mehr zum Zuhören haben? Hier wahrscheinlich einer der wegweisenden Texte für die nächste Zeit: „Babylon“, der mit dem langanhaltenden Frieden unserer Tage beginnt, in dem wir bis heute leben, der so vieles in sich birgt, das Entwickeln des Individuums, bis hin zum Gendern, natürlich in der Anwendung auch ärgerlich, nie ganz stimmig aber für die Menschen die es betrifft, Gold wert. Die Rede ist von Friedensarbeit, Zeit, wo sich die Gesellschaft entwickeln kann. „Sprache setzt im selben Maß Einigung voraus, wie sie Einigung erzeugt“, so der Schriftsteller.

Vor den Vorhang geholt

Und natürlich, immer wieder Würdigungen – soll so sein! Sie ergehen an so viele wichtige Individuen, längst verstorben und in der Erinnerung verblichen, dass es einen Michael Köhlmeier braucht, um sie für Minuten wieder zurück ins Leben zu bringen, in den Geist der Menschen. Oskar Huth, der lustige Jude und Künstler, „der Künstler ohne Kunst“, in der Geschichte „Das Lachen in düsteren Zeiten“. Der Künstler, der sich mit dem Verkauf von gefälschten Buttermarken durch die Nazizeit schwindelte und eben bis zum Lebensende sein Lachen nie verlor und immer verzeihlich wirkte. Nachsicht, die Fähigkeit zu verzeihen, eine Eigenschaft, die uns im Wohlstand scheinbar abhandengekommen ist, hatte dieser Mann zuhauf. Oder Karl Philipp Moritz, ein weiterer, der von Michael Köhlmeier vor den Vorhang geholt wurde: Der Dichter, der die Kunst beherrschte in seiner Biografie die Dinge zu beschreiben, wie sie sind, also ganz ohne Wunschvorstellungen, wie sie sein sollten. Mit einer gewissen Klarheit und Distanz schrieb er den autobiografischen Entwicklungsroman.

Helles Gegengift zum Toxischen

Immer wieder wirft der Autor interessierte Blicke in die Vergangenheit, zum Beispiel In „Supermann“, auf die Olympischen Spiele 1972 in München, wo in die junge Aufbruchstimmung der PLO-Terror platzte und Köhlmeier hier eine an sich düstere Geschichte mit einem langen Schatten so auf die Beine stellt, dass man sagen kann, das war so, aber eben nicht nur: Ein Mädel aus dem Umfeld des Autors haut nach München ab und sucht im Moment der Katastrophe die Liebe! Liebe, die wahrscheinlich stärkste emotionale Regung, die gegen eine drohende Dunkelheit gestellt werden kann: „Make Love, not War.“

 Schonungsloses Entenhausen.

 Und endlich erreicht man mit dem Autor Entenhausen, um einmal durchatmen zu können, im Gedanken noch an die eigene verblasste Jugend, der der Autor in „Forever Young“ zumindest noch einen junggebliebenen Geist entgegenstellt, kommen wir nach Entenhausen und Köhlmeier, wie immer sehr treffend und zugleich ernüchternd: Entenhausen ist ein absolut schonungsloses Pflaster, wo wir Leser erschreckend wenig Mitleid zeigen und die Storys dennoch heiß lieben. Fazit: Kurzweilig und zugleich gescheit, Michael Köhlmeier im Kleinformat, gedanklich bestechend.

Martin G. Wanko