Boulevard der Helden im Rhythmus des Jazz

Michael Köhlmeier eröffnet das jazzambach Festival im Dialog mit dem jazzambach ensemble.
Götzis Mit einer ebenso klugen wie atmosphärisch dichten Begegnung von Wort und Klang eröffnete das jazzambach Festival 2026 seine diesjährige Ausgabe und setzte damit nach der Stummfilm Improvisation des Vorjahres erneut ein bewusstes programmatisches Zeichen, indem es diesmal das gesprochene Wort ins Zentrum rückte und in einen lebendigen Dialog mit Jazz überführte. Michael Köhlmeier, seit Jahrzehnten eine der prägenden Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, las aus seinem Buch „Boulevard der Helden“.

Der Vorarlberger Schriftsteller erzählte von Thelonious Monk und dessen eigensinniger Genialität, von Django Reinhardts unbändigem Gestaltungswillen und von jenen Momenten, in denen Ruhm und Verletzlichkeit unauflöslich ineinandergreifen. Ergänzt wurden diese literarischen Porträts durch eine wunderbar erzählte Episode aus seiner eigenen Jugend, die dem Abend eine persönliche, beinahe zärtliche Note verlieh. Wie so oft bei Köhlmeier entsteht die Spannung nicht aus Pathos oder großen Gesten, sondern aus der ruhigen, konzentrierten Art des Erzählens, aus präzise gesetzten Beobachtungen und aus jener leisen Ironie, mit der er seine Figuren ernst nimmt.

Köhlmeier richtet in „Boulevard der Helden“ den Blick auf das 20. Jahrhundert und auf Figuren, die zu Projektionsflächen wurden. Helden erscheinen bei ihm nicht als makellose Monumente, sondern als Menschen mit Brüchen, Zweifeln und Ambivalenzen. Seine Sprache fließt ruhig und beinahe gelassen, und gerade in dieser Zurückhaltung entfaltet sich eine eigentümliche Intensität. Er deklamiert nicht, er urteilt nicht laut, vielmehr entwickelt er seine Figuren aus Dialogen, Erinnerungen und präzisen Details. Zwischen individueller Biografie und kollektiver Geschichte entsteht ein Panorama, das die Konstruktion von Heldentum behutsam freilegt.

Das jazzambach ensemble 2026, eigens für diesen Anlass vom künstlerischen Leiter David Helbock ins Leben gerufen, nahm diesen literarischen Faden musikalisch auf und eröffnete den Abend mit Monks „In Walked Bud“. Es war ein klug gewählter Auftakt, der das Publikum unmittelbar in jene schillernde und zugleich fragile Welt führte, von der Köhlmeier erzählte. Von Beginn an wurde deutlich, dass es hier nicht um bloße Begleitung ging, sondern um ein echtes Gegenüber, um ein aufmerksames Wechselspiel von Sprache und Improvisation.

Der international gefeierte Schweizer Pianist Claude Diallo, ausgebildet am Berklee College of Music in Boston und an der Aaron Copland School in New York, stellte für jazzambach ein dynamisches Ensemble aus Musikerinnen und Musikern aus Vorarlberg und der Schweiz zusammen und setzte damit ein Zeichen für die grenzüberschreitende Vitalität der regionalen Jazzszene. Neben Claude Diallo am Klavier überzeugte ein hervorragend aufeinander eingespieltes Ensemble: Fabio Devigili am Saxophon mit klanglicher Beweglichkeit und feinem Gespür für Zwischentöne, Andreas Amann am Bass mit tragender Ruhe und rhythmischer Klarheit sowie die erst 22-jährige Schweizer Schlagzeugerin Laura Schäfer, die mit beeindruckender Präzision und Energie dem Abend zusätzlichen Impuls verlieh.

Als Gäste bereicherten Heidi Caviezel mit ihrem warm timbrierten Gesang und der Artist in Residence Mahan Mirarab mit seiner charakteristischen doppelseitigen Gitarre den Abend. Mirarab, im Iran geboren und seit vielen Jahren in Wien künstlerisch beheimatet, verlieh dem Ensemble eine unverwechselbare klangliche Signatur. Besonders eindrücklich geriet sein Stück mit Widmungscharakter: eine Hommage an die Menschen im Iran, an Eltern, Familien und an all jene, die friedlich für Freiheit und Rechte auf die Straße gingen und gewaltsam zum Schweigen gebracht wurden.

Die erste Begegnung zwischen Michael Köhlmeier und dem jazzambach ensemble 2026 erwies sich als überaus gelungener Auftakt: eine musikalische Lesung voller Improvisationslust, Konzentration und kreativer Energie. Mit „Thank You“ von Led Zeppelin endete der Abend in einer hymnischen Geste, die Literatur, Jazz und Rock auf überraschend stimmige Weise miteinander verband und neugierig machte auf die kommenden Festivaltage.