Ein Abend der Klangfarben-Meisterschaft

Das Opéra Orchestre National Montpellier gastierte unter Roderick Cox bei den Bregenzer Meisterkonzerten.
Bregenz Die vier Werke, die das Opéra Orchestre National Montpellier im Festspielhaus präsentierte, scheinen auf den ersten Blick sehr verschieden, liegen doch deren Entstehungsdaten über 80 Jahre auseinander. Sie alle verbindet ein starker roter Faden: die Entfesselung orchestraler Energie und rhythmischer Motorik.

Das Publikum wird mit John Adams’ “Short Ride in a Fast Machine” (1986) sofort durch ein prägnantes Schlagwerk unerbittlich auf eine dynamische musikalische Reise mitgenommen: Ein permanenter Xylophon-Puls (“the fundamental tick”) fungiert als Metronom für eine rasante Autofahrt. Die Schlagwerker sind aufs Äußerste gefordert. Adams, einer der wichtigsten Vertreter des Post-Minimalismus, öffnet im Gegensatz zu seinen um gut zehn Jahre älteren Komponistenkollegen wie Steve Reich oder Philip Glass, die oft auf strengen, mathematischen Prozessen und extremer Reduktion beharren, den Stil für Emotion und Komplexität, er verbindet minimalistische Rhythmik mit üppiger Harmonik, was seine Musik zugänglicher macht.

Während Samuel Barbers Adagio (for Strings) weltberühmt ist – er hat dieses Stück 1936 während eines Studienaufenthaltes in Österreich am Wolfgangsee komponiert –, wird sein “Concerto for Cello and Orchestra, op. 22” eher selten aufgeführt, obwohl es als eines der bedeutendsten Cellokonzerte des 20. Jahrhunderts gilt. Es verlangte dem Solisten des Abends, Maximilian Hornung, eine außergewöhnliche Virtuosität ab: komplexe Doppelgriffe und eine sehr hohe Lage, deren “herberen Charakter” Hornung durch sein Spiel exzellent zu vermitteln wusste. Sehr präzise, aber auch “kühler” arbeitet Hornung die rhythmischen Artikulationen und die motivische Verzahnung mit dem Orchester heraus. Als Zugabe Bachs Prélude aus der Suite Nr. 1.

So wie Claude Monet “Licht auf Wasser malte”, schuf Claude Debussy musikalische Klangbilder. Beide gelten als Titanen des französischen Impressionismus, allerdings lehnte Debussy diesen Begriff für seine Musik ab. Beiden ist zu eigen, dass sie traditionelle Formen aufbrachen, Umrisse verschwommen darstellten und Stimmungen durch permanent wechselndes Licht oder Klangfarben erzeugten. Im Gegensatz zu Debussy hat aber Monet das Meer nie als elementare Gewalt in seiner Ungestümheit oder als bedrohlich in seinen Bildern dargestellt, wie es Debussy in seinen Kompositionen tat; gerade im dritten Satz inszeniert Debussy regelrecht einen Sturm, oder im Finale, wie förmlich die Meeresgischt herauszuhören ist. Vielleicht zierte deshalb, auf Wunsch Debussys, das Titelblatt seiner Partitur Hokusais berühmtester Holzschnitt “Die große Welle vor Kanagawa” (1830/32) und kein “Meeresbild” von Monet.

Der musikalische Schluss bildete Maurice Ravels “La Valse” (1920). Anstelle von Walzerseligkeit treten verzerrte Rhythmen und dissonante Harmonien. Dekonstruktivismus im besten Sinn des Wortes, wenn auch der Begriff erst später in der Philosophie (Derrida) und vor allem in der Architektur (Gehry, Rem Koolhaas, Coop Himmelb(l)au) populär wurde. Ravel nimmt das “Heile-Welt-Symbol” des 19. Jahrhunderts und lässt es klanglich in sich zusammenbrechen. Roderick Cox führte sein Orchester mit sanfter Hand, aber sehr kontrolliert und doch spielerisch, begleitet von wippenden, nahezu tänzelnden Bewegungen, durch einen Abend voller ungestümer Klangfarben.THS