Aus der Zeit gefallen

Kultur / 23.02.2026 • 13:05 Uhr
frauvommeer____R_anjakoehler_260282.jpg
Eigentlich Tiefgründiges verkommt bei dieser Inszenierung phasenweise unfreiwillig zur Parodie.Anja Köhler

Vorarlberger Landestheater zeigt Henrik Ibsens „Die Frau vom Meer“

Bregenz 2026 jährt sich der Todestag von Henrik Ibsen zum 120. Mal. Das Jahr 2026 dient zudem als Auftakt für das bevorstehende „Ibsen-Jubiläum 2028“ in dem sein 200. Geburtstag gefeiert wird. Für das Landestheater Anlass genug, um wieder einmal einen Ibsen auf die Bühne zu bringen. Die Regie zu „Die Frau vom Meer” übernahm Danielle Fend-Strahm u. a. auch Co-Leiterin der freien Theatergruppe Café Fuerte, sie belässt ihre Figuren im 19. Jahrhundert. Dies gilt es zu hinterfragen. „Die Frau vom Meer“ ist als Schlüsselwerk des Übergangs in Ibsens Schaffen zu bezeichnen – schon lange bevor Sigmund Freud seine Theorien veröffentlicht, beschrieb Ibsen in „Die Frau vom Meer“ die „Zwangsvorstellung“ einer/mehrerer Personen. Freud selbst war von Ibsen fasziniert und analysierte Ellidas Charakter in seinen Schriften über den „Narzissmus“. Ellida, Tochter eines Leuchtturmwärters, lebt mit ihrem Mann Dr. Wangel und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe an einem Fjord. Obwohl in bürgerlicher Sicherheit eigebettet, sehnt sie sich obsessiv nach dem offenen Meer.

frauvommeer____R_anjakoehler_260226.jpg
Die Figuren um die beiden Protagonisten tänzeln und taumeln seltsam lasch herum.Anja Köhler

Vor Jahren gab sie einem Seemann (der Fremde) ein Treueversprechen, der nun zurückkommt, um dieses einzufordern. Dr. Wangel erkennt, dass er seine Frau „freigeben“ muss, dass er Ellida frei und unter eigener Verantwortung wählen lassen muss; sozusagen Heilung durch Selbstbestimmung, psychische Gesundheit erfordert Freiheit. Durch diese „Wahl der Freiheit“ schwindet die Macht des Fremden über Ellida und sie entscheidet sich freiwillig für ihren Mann und das Leben an Land. Im selben Jahr, in dem die Frau vom Meer erschien (1888), erhielten verheiratete Frauen in Norwegen die Verfügungsgewalt über ihr eigenes Vermögen (in Österreich wurde die „Leitungsgewalt des Mannes“ erst 1975 abgeschafft!). Damit wären die Pfosten für ein psychologisches Drama der Sonderklasse, das innere Emanzipation, Zerrissenheit, Träume, Lebenslügen und das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Normen in sich birgt, eingeschlagen. Diese Zwangsneurosen können aber nicht von einer durchwegs konventionellen Regiearbeit bedient werden. Die handelnden Personen, allen voran Maria Lisa Huber als Ellida und Elias Baumann als Dr. Wangel, beide famose Schauspieler, hier eher farblos und gleichsam wie im 19. Jahrhundert stehen geblieben, wie es die Regie verlangt. Es schnürt einem nicht die Kehle zu, ob der Ellida’schen Obsession. Auch die Figuren um die beiden Protagonisten tänzeln und taumeln seltsam lasch herum und lassen ihre ureigensten Obsessionen und Ängste und unerfüllte Hoffnungen verschwinden. Tiefgründiges verkommt phasenweise unfreiwillig zur Parodie.

frauvommeer____R_anjakoehler_260044.jpg
Anja Köhler

Luzian Hirzel in einer Doppelrolle macht als Arnhom Bella Figura, hingegen als Hilde (jüngste Tochter von Dr. Wangel) versprüht er/sie eine Überdosis an „girlypower“ und ihr „zynisches Spiel“ mit dem todkranken, tuberkulösen Lyngstrand, verkörpert von Nurettin Kalfa, bleibt dem Zuschauer verborgen. „Der Fremde“, der mysteriöse Seemann, gespielt von Tobias Fend, verkörpert nicht die quälende und omnipräsente Todessehnsucht von Ellida, er ist nicht der bodenlose Abgrund, in den Ellida fallen könnte, Bodenständigkeit und Kompromisslosigkeit dominieren seinen Charakter. Isabella Campestrini gelingt eine gute Darstellung der Bolette, als Gegenpol zu Ellida. Ob am Ende Ellida nicht doch noch ins Wasser gehen wird, bleibt offen. Es wäre nur eine logische Konsequenz ihrer „Todessehnsucht“. Im Hintergrund Meeresrauschen.

THS