Das Wesen hinter dem Bild

Eine Ausstellung in Bregenz versammelt Nikolaus Walters stille, kraftvolle Porträts von Künstlern.
Bregenz Am kommenden Samstag, dem 28. Februar, wird in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz die Ausstellung „Künstler:innen-Porträts” von Nikolaus Walter eröffnet. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus einer Werkgruppe, die sich nahtlos in sein jahrzehntelanges Schaffen einfügt und zugleich den Fokus auf die Personen richtet, die selbst Bilder, Skulpturen, Installationen und Räume prägen.

Nikolaus Walter, 1945 in Rankweil geboren, gehört zu den Fotografen, die nie laut geworden sind und gerade dadurch eine unverwechselbare Handschrift entwickelt haben. Seit den 1970er Jahren richtet er seine Kamera auf das, was im Alltag leicht übersehen wird: Menschen in ihren Lebensräumen, Dörfer im Wandel, Werkstätten, Wirtshaustische, Paare, Kinder, Alte. Seine Fotografien sind keine Effekte, keine kalkulierten Inszenierungen. Sie sind präzise Beobachtungen. Aufgewachsen in einer Region zwischen bäuerlicher Tradition und beginnender Industrialisierung, entschied sich Walter früh für die Fotografie als Form der Recherche.

Er studierte an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, arbeitete zunächst als Pressefotograf und wandte sich bald eigenen Langzeitprojekten zu. Dieses beharrliche Arbeiten prägt sein Werk bis heute: Walter bleibt, schaut, kehrt zurück und verfolgt Entwicklungen über Jahre hinweg. Serien wie „Die letzten Sennen“, „Vorarlberger Frauen“ oder „Menschen am Rand“ machten ihn international bekannt. Immer geht es um soziale Wirklichkeit, um Lebensbedingungen, um Würde.

Die nun gezeigten Künstler:innen-Porträts sind keine PR-Bilder. Walter sucht die Begegnung. Er betritt Ateliers, die Orte höchster Konzentration und produktiver Unordnung, und wartet auf den Moment, in dem Haltung und Umgebung eine Einheit bilden. So entsteht Nähe ohne Vereinnahmung. Ein frühes, inzwischen legendäres Beispiel ist seine Aufnahme von Tone Fink beim „Achrettungssprung” im Jahr 1989 an der Bregenzer Ache. Walter hielt den Künstler im höchsten Punkt des Sprungs fest – ein Bild von Bewegung und Entschlossenheit. Den Maler Hubert Berchtold zeigt er bei der Wandgestaltung im Vorarlberger Landhaus und die Computerkünstlerin Ruth Schnell bei der Einrichtung einer Ausstellung. Hubert Matt und Gottfried Bechtold erscheinen inmitten der Dichte ihrer Ateliers, ganz auf ihre Arbeit konzentriert.

Zu den eindrücklichsten Begegnungen zählt Walters Porträt von Brassaï, dem „Auge von Paris“. Wenn der Vorarlberger Fotograf auf den ungarisch-französischen Chronisten der Pariser Nacht trifft, entsteht ein stiller Dialog zweier Meister des Schwarzweiß. Walter zeigt Brassaï nicht als Ikone, sondern als sehenden Menschen, der durch die Kamera denkt.
Begegnungen auf Augenhöhe
Nichts wirkt arrangiert und doch ist jedes Bild sorgfältig komponiert. Linien strukturieren, Licht modelliert Gesichter und Details erzählen Nebengeschichten. Seine analoge Arbeitsweise ist dabei mehr als nur eine Technik, sie ist eine Haltung. Während die Fotografie immer schneller wurde, hielt Walter an der Entschleunigung fest. Seine Bilder fordern Zeit und Aufmerksamkeit.

Wenn man frühe Aufnahmen aus den 1970er Jahren neben aktuelle Porträts legt, zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität. Walter sucht das, was bleibt, wenn das Licht verblasst: das Wesen hinter dem Bild. Er nimmt Menschen Bilder ab, ohne sie bloßzustellen. Seine Künstler:innen-Porträts sind Begegnungen auf Augenhöhe. Sie zeigen Eigenwilligkeit, Konzentration, Melancholie und die stille Kraft kreativer Arbeit.
Factbox
Nikolaus Walter: „Künstler:innen-Porträts“
Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz
Ausstellungsdauer: 28.2. bis 28.3.2026
Eröffnung: Sa, 28. Februar 2026, 17 Uhr
Öffnungszeiten: Mi bis Fr 15–19 Uhr, Sa 11–14 Uhr
Galerie Lisi Hämmerle
Anton-Schneider-Straße 4a
6900 Bregenz