Klingendes Evangelium mit Dämpfern

Kultur / 01.03.2026 • 14:20 Uhr
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Daniel Johannsen als Evangelist, farbig, mit feinsten Nuancen, dramatischen Impulsen und makelloser Stimme, war großartig.Rheintaler Bachchor

Bachs „Matthäuspassion“ mit dem Rheintaler Bachchor in Götzis

Götzis Kein anderes Werk der Musikgeschichte hat die Menschen so bewegt wie Bachs Matthäuspassion, in der der Thomaskantor mit zwei Chören, zwei Orchestern und Vokalsolisten den christlichen Glauben musikalisch ergreifend auslegt. Friedrich Nietzsche hörte das Werk 1870 im Basler Münster und schrieb: „Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium.“

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Rheintaler Bachchor

Der von dem Vorarlberger Organisten und Dirigenten Jürgen Natter gegründete länderübergreifende Rheintaler Bachchor hat sich zum zehnjährigen Bestehen, nunmehr mit dem seit 2021 amtierenden Leiter Alexander Seidel, an diese monumentale Komposition gewagt. Der Gesamteindruck der Aufführung am letzten Samstag in der Kulturbühne Ambach in Götzis war etwas durchwachsen. Das zeigte sich schon im großangelegten Eingangschor: Das Vorarlberger Originalklangensemble Concerto Stella Matutina setzte mit ausdrucksvoller Phrasierung ein, der mit gut achtzig Sängern und Sängerinnen groß besetzte zweigeteilte Chor klang homogen und schön, doch wenig differenziert, der darüber erklingende Cantus firmus „O Du Lamm Gottes unschuldig“ wurde von fünf Sopranen auf der Empore gesungen und drang viel zu wenig durch. Die Turbachöre wurden meist mit Präzision und Präsenz gesungen, die Choräle gelangen im großen und ganzen eindringlich, hätten aber manchmal mehr Gestaltung vertragen. Etwas irritierend wirkte der Einfall, die Orgel am Ende mancher Textzeilen Verzierungen spielen zu lassen, was den Fluss unnötig hemmte. Für den Chor war dieses Mammutwerk eine große Herausforderung, die er respektabel meisterte, bei dem er aber auch an seine Grenzen stieß; so fehlte dem zerklüfteten „Sind Blitze, sind Donner“ einfach die Durchschlagskraft. Vor allem im zweiten Teil ließ die Konzentration hörbar nach.

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Rheintaler Bachchor

Als gestalterischer Mittelpunkt des Geschehens fungierte Daniel Johannsen als Evangelist. Wie er seinen Text interpretierte, farbig, mit feinsten Nuancen, dramatischen Impulsen und makelloser Stimme, war einfach großartig. Ebenfalls sehr glaubwürdig und intensiv, manchmal geradezu manieriert, gestaltete Miriam Feuersinger ihre Sopranpartie: Ein Moment innigster Entrückung war die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“. Auch Nik Kevin Koch überzeugte mit seinem kernigen Tenor, etwa in der expressiv gesungenen Arie „Geduld! Wenn mich falsche Zungen“ mit fantastischer Gambenbegleitung durch Bianca Riesner. Martina Gmeinders etwas leiser Mezzo liegt zu hoch für die Altpartie der Matthäuspassion, sodass sie gegenüber dem Orchester oft nicht durchdrang; berührend gelang die Arie „Erbarme dich“ mit dem tiefempfundenen Violinsolo von David Drabek. Auch der Bass Konstantin Wolff überzeugte, besonders in der verzweifelten Arie des Judas „Gebt mir meinen Jesum wieder“, deren virtuose Violinbegleitung Fani Vovoni bravourös meisterte. Der Jesus des Daniel Ochoa sang seine Partie mit fast zuviel Emphase, er sollte in dieser Passion eher abgeklärt wirken. Die kleineren Bassrollen wurden von Clemens Morgenthaler ausdrucksvoll und kräftig intoniert.

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Rheintaler Bachchor

Concerto Stella Matutina wurde seinem Ruf als hochklassiges Barockorchester mit fabelhaften Instrumentalsolisten gerecht. Schade war nur, dass das Orchester leiser klang, weil es zwei Streicher weniger hatte. Dem Dirigenten gelang es v. a. im ersten Teil nicht durchgehend, die Spannung aufrecht zu halten. Es war keine überwältigende Aufführung, aber es gelangen doch immer wieder intensive Momente, für die das Publikum nach fast drei Stunden mit herzlichem Applaus dankte.

Ulrike Längle