Das Portal ins Unbestimmte

Kultur / 11.03.2026 • 13:46 Uhr
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Davide Allieri schirmt den Raum gegen das Tageslicht ab und installiert eine künstliche Licht- und Klangatmosphäre.Günter Richard Wett

Ein leuchtender Ring, eine drohnenartige Figur und eine Architektur, die selbst Teil wird.

Dornbirn Die Zahlenfolge wirkt zunächst wie eine nüchterne geografische Angabe, wie ein Eintrag in ein Navigationsgerät. Doch die Koordinaten „47°24’35’’N / 9°44’20’’E” sind der Titel der Ausstellung und markieren einen realen Ort: den Kunstraum Dornbirn. Damit ist bereits ein wesentliches Motiv von Davide Allieri benannt: die Verschiebung von Realität in eine andere, unsichere Ebene, in der eine scheinbar mögliche Orientierung ins Leere führt. Allieri schirmt den Raum gegen das Tageslicht ab, installiert eine künstliche Licht- und Klangatmosphäre und verwandelt die frühlingshelle Umgebung in eine Sphäre, die sich jeder eindeutigen Verortung entzieht. Zeit scheint hier weder vergangen noch gegenwärtig, sondern gedehnt, ausgehöhlt und in eine seltsame Dauer überführt, in der die Wirklichkeit ihren festen Aggregatzustand verliert.

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Allieri schafft einen Raum, in dem nichts funktioniert, in dem nichts erzählt und nichts interpretiert wird.Günter Richard Wett

„Als ich zum ersten Mal den Kunstraum Dornbirn betrat, hatte ich sofort das Gefühl, dass mir diese Architektur entspricht. Sie traf meinen Geschmack unmittelbar und ich dachte: Diese Arbeiten könnten hier perfekt funktionieren. Ich fühle mich mit diesem Raum auf sehr persönliche Weise verbunden, denn er steht meiner eigenen künstlerischen Vision erstaunlich nahe. Der Raum ist für mich Teil des Werks, Teil der Inszenierung, Teil des Gesamtkunstwerks. Man könnte sagen: Er gehört zur ‚Oper‘ der Ausstellung. Das Großartige daran ist, dass mir von Beginn an signalisiert wurde: Mach, was du willst. Für einen Künstler gibt es keine bessere Voraussetzung, als ohne Einschränkungen arbeiten zu dürfen und die Grenzen selbst zu definieren.“

Das Portal ins Unbestimmte
Davide Allieri und Kunstraum Dornbirn Chef Thomas Häusle. Stiplovsek Dietmar pauschal 

Diese Freiheit ist spürbar. Allieri schafft einen perfekten Nicht-Ort. Einen Raum, in dem nichts funktioniert, in dem nichts erzählt und nichts interpretiert wird. Es werden keine Fragen gestellt und es bleiben Antworten aus. Seine Skulpturen speisen sich aus vertrauten Bildwelten, beispielsweise aus Science-Fiction-Filmen wie „Stargate” oder „Alien”. Doch was zunächst wie ein Zitat erscheinen könnte, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als radikale Entleerung. Allieri isoliert Formen, löst sie aus ihren narrativen Zusammenhängen und entzieht ihnen jede Funktion. Was einst Teil einer Geschichte war, verliert seine Geschichte.

Das Portal ins Unbestimmte

Im Kunstraum Dornbirn präsentiert er zwei eigens für diesen Ort entwickelte Skulpturen. Obwohl sie über Monate hinweg präzise geplant und technisch kontrolliert wurden, vermitteln sie dennoch einen Eindruck von Unkontrolliertheit. Eine rund vier Meter hohe, drohnenartige Formation erhebt sich im Raum. Zahllose Kabel durchziehen die Halle, spannen sich über Boden und Architektur und bilden ein Netz technischer Infrastrukturen, dessen Zweck unklar bleibt. Lose Enden verweisen auf Energie und mögliche Aktivierung, doch nichts scheint tatsächlich in Betrieb zu sein. Ist diese Figur noch im Werden oder bereits zerstört? War sie einst lebendig oder steht sie erst am Anfang eines Prozesses?

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Dem gegenüber erscheint der „Ring“. Eine beeindruckende, große, kreisrunde Skulptur, die wie ein leuchtendes Portal im fahlen Dunst einer unwirtlichen Landschaft steht. Ein möglicher Durchgang, ein technologisches Relikt, ein metaphysisches Zeichen. Vom Portal ausgehend legt sich ein durchdringender Sound wie eine unsichtbare Schicht über die Szenerie. Klang, Licht und Dunkelheit verdichten das Gefühl eines permanenten Dazwischen. Beim Betrachten meint man, eine Deutung greifen zu können. Es scheint sich eine Idee zu formieren, nur um im nächsten Moment wieder zu entgleiten. Es scheint, als gäbe es eine Antwort, doch auf welche Frage sie sich bezieht, ist unklar. Genau in dieser Schwebe operiert Allieri. Er entzieht den Betrachtern die Sicherheit zeitlicher und inhaltlicher Fixierung.

Das Portal ins Unbestimmte

Der 1982 in Bergamo geborene und an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand ausgebildete Künstler schafft dystopische, fragmentierte Installationen ohne Erlösungsperspektive. Die Entleerung wird zur Methode, die Dysfunktion zum ästhetischen Prinzip. Der Kunstraum Dornbirn wird so vom 13. März bis zum 21. Juni zum Erfahrungsraum einer Wirklichkeit, die sich jeder Festlegung entzieht und gerade darin ihre eigentümliche Intensität gewinnt.

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