Die ÖVP hat immer recht

VN Kommentar von Walter Fink.
Nun haben so ziemlich alle kritisch berichtet oder gar protestiert, die man sich vorstellen kann: Medien – zum Beispiel der „Standard“ oder VN-Kommentaroren –, die gesamte politische Opposition im Landtag, der Verein der Theaterfreundinnen und -freunde, der Bürgerinnenchor des Theaters und ein erheblicher Teil des Ensembles. Viel mehr geht nicht mehr. Die zuständige Landesrätin, Barbara Schöbi-Fink, wischt aber alle Einwände gegen die Nicht-Verlängerung des Vertrags der Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, Stephanie Gräve, vom Tisch. Der Aufsichtsrat, deren Vorsitzende sie ist, hat gesprochen – und dabei bleibt es. Auch wenn die Intendantin auf die erfolgreichste Spielzeit des Theaters verweisen kann, was man auch als Publikumsabstimmung werten könnte. Zählt nicht – es bleibt Barbara Schöbi-Fink und der Aufsichtsrat gegen alle anderen. Die Intendantin passt ihnen nicht, sie ist zu aufmüpfig (was man beim Theater doch sein sollte), sie ist zu öffentlich mit ihrer Kritik (was wohl auch Sinn des Theaters ist) und sie ist zu fordernd (was angesichts des bescheidenen Budgets geradezu verpflichtend ist). Man möchte den offensichtlich so Wissenden mit zwei Zitaten von Friedrich Schiller aus seiner Rede von 1784 vor der Deutschen Gesellschaft zurufen: „Ein Theater ist eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit.“ Und: „Ein Theater ist eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung.“
Man kann zu einzelnen Aufführungen des Landestheaters stehen wie man will – niemandem gefällt alles, man darf und soll auch kritisieren, aber man darf nicht den Esel schlagen und die Reiterin meinen. Das aber passiert im Moment. Da man keine inhaltlich-sachlichen Gründe für eine Absetzung von Stephanie Gräve hat (und nichts anderes ist die Nicht-Verlängerung), sucht man eben andere. „Zehn Jahre sind eine gute Zeit für eine künstlerische Leitung“, meint Schöbi-Fink in einer Aussendung. Bei der Verlängerung von Thomas D. Trummer in die dritte Periode vom Kunsthaus hat das noch anders geklungen: „Ich freue mich auf die Fortsetzung seiner inspirierenden Arbeit und die weiteren künstlerischen Impulse, die er dem Kunsthaus Bregenz verleihen wird“, hieß es damals. Man richtet sich’s eben wie man es braucht.
Die Theaterfreundinnen und -freunde haben die Verdienste von Stephanie Gräve ausführlich erläutert: Mut zu Neuem, Behandlung lokaler Themen ohne provinziell zu sein, großes Interesse der Schulen am Theater und vieles andere. Der Bürgerinnenchor wiederum hat Fragen an Schöbi-Fink gestellt: Die entscheidende ist die fünfte Frage: „Wären Sie bereit, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken?“ Ich erlaube mir, eine Antwort vorwegzunehmen: Das wird weder die zuständige Landesrätin noch der Aufsichtsrat tun. Denn dann müssten sie ja zugeben, dass sie eine Entscheidung auf nicht sachlicher, sondern emotionaler Ebene getroffen haben. Und man vergesse nicht: Die ÖVP – und darauf läuft es hinaus – hat immer recht. Und das erinnert doch an frühere, unselige Zeiten. Nicht nur in der Kultur.