Die sieben Türen zum Schrecken

Beklemmend, klug, packend: Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ als Opern-Thriller von großer Wucht.
Bregenz Mit dieser Inszenierung ist dem Vorarlberger Landestheater am Sonntagabend eine Premiere gelungen, die unter die Haut geht. Es ist kein Opernabend im herkömmlichen Sinne, kein Abend der großen Arien und dekorativen Schaueffekte, es ist eine konzentrierte, düstere, kammermusikalisch zugespitzte Theatererfahrung von hoher Intensität und bezwingender Geschlossenheit. Die Reduzierung von Bartóks ursprünglich für großes Orchester konzipierter Partitur auf 28 Musiker ist ein drastischer Eingriff, der jedoch mit höchster Sorgfalt, fundierter Kenntnis des Originals und unverkennbarer Ehrfurcht vor diesem Werk vorgenommen wurde. Wo Bartóks Farbenreichtum in kleinerer Besetzung verloren zu gehen droht, findet Kloke kluge, fein austarierte Lösungen, die den Charakter der Musik bewahren und ihr zugleich neue Prägnanz verleihen. So entsteht eine Fassung, die die psychologische Zuspitzung des Stücks noch schärfer hervortreten lässt. Unterstützt vom Symphonieorchester Vorarlberg bringt Yannis Pouspourikas diese entschlackte Partitur zum Leuchten. Er modelliert die Klangfarben mit großer Aufmerksamkeit, arbeitet die herben, schillernden Schattierungen plastisch heraus und hält die Spannung über den gesamten Abend hinweg auf einem bemerkenswert hohen Niveau.

Dieter Kaegi, der die Inszenierung verantwortet, entfaltet gemeinsam mit dem Bühnenbildner Francis O’Connor einen Opern-Thriller voller Klasse. Der Zugriff ist konsequent, beklemmend und von bedrängender Unmittelbarkeit. Kaegi verlegt das Geschehen in einen Raum, der an Gefangenschaft, seelische Zerstörung und die Monstrosität, die sich hinter einer bürgerlichen Fassade verbergen kann, erinnert. Das trostlose Kellerzimmer, das Verlies hinter dem Büchergestell und die drehbare Bühne, welche den Kontrast zwischen Wohnlichkeit und Abgrund zeigen, sind Teil eines präzise durchdachten Konzepts. Die Räume, die bei Bartók als innere Kammern des Schreckens erscheinen, öffnen sich hier gleichsam in der Vorstellung des Publikums. Gerade dadurch gewinnt das Geschehen an Wucht.

Im Zentrum des Abends stehen jedoch Katerina Hebelkova und Mischa Schelomianski, die diese Premiere entscheidend prägen. Judith verlässt für Herzog Blaubart alles und folgt ihm in seine düstere Burg. Trotz seiner Warnungen lässt sie die sieben verschlossenen Türen nacheinander öffnen. Hinter ihnen offenbaren sich Macht, Reichtum, Gewalt, Tränen und ein unermessliches Reich, doch überall liegt der Schatten von Blaubarts Vergangenheit. Als sich hinter der letzten Tür seine früheren Frauen zeigen, die in ewiger Nacht eingeschlossen sind, wird Judith zu ihnen gestellt und Blaubart bleibt allein in vollkommener Finsternis zurück. Hebelkova gestaltet die Rolle der Judith überragend. Sie verbindet vokale Kraft mit feiner Gestaltung und zeigt eine Frau, die nicht nur Opfer, sondern auch Liebende, Suchende, Hoffende und Widerstehende ist. In empfindsamen Momenten lässt sie Judith beinahe mädchenhaft erscheinen, in anderen Momenten hingegen mit leidenschaftlicher Entschlossenheit, fordernder Intensität und großer innerer Spannung. Hebelkova singt nicht nur glänzend, sie durchdringt die Figur in all ihren Widersprüchen. Der deutsche Schauspieler Christian Manuel Oliveira verleiht dem gesprochenen Prolog Kontur und Haltung.
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Mischa Schelomianski gibt einen Blaubart, der gerade durch seine Zurückhaltung unheimlich wird. Er setzt nicht auf plakative Dämonie, sondern auf das Verhaltene, das Kontrollierte, das latent Bedrohliche. So gewinnt seine Figur jene Kälte und Bösartigkeit, die umso stärker wirkt, weil sie nicht aufgesetzt erscheint. Seine dunkle, sonore Bassstimme verleiht dem Blaubart Gewicht, und seine Darstellung tastet die Psyche dieser Figur mit bedrückender Genauigkeit ab. Bemerkenswert ist zudem, mit welcher Selbstverständlichkeit Schelomianski, Hebelkova und Oliveira die ungarische Sprache meistern. Auch darin zeigt sich die hohe Professionalität dieses Ensembles, das den Abend mit großer Hingabe musikalisch, sprachlich und darstellerisch trägt.