Wortgewalt und Gänsehaut

Kultur / 03.04.2026 • 13:41 Uhr
Wortgewalt und Gänsehaut
Die österreichische Meisterin im Poetry Slam, Lia Hartl, ist als Special Guest dabei. Guntram Fechtig

Wer wird Vorarlbergs Stimme des Jahres? Die Poetry Slam Landesmeisterschaft geben die Antwort.

Götzis Wenn sich am 10. April um 20 Uhr die Türen der Kulturbühne Ambach in Götzis öffnen, dann steht Vorarlbergs Poetry-Slam-Szene vor einem Moment, der weit über einen gewöhnlichen Wettbewerb hinausreicht, denn erstmals seit vielen Jahren bündelt sich eine zuvor fragmentierte Szene zu einem gemeinsamen, kraftvollen Auftritt, bei dem nicht nur Texte, sondern auch Strukturen neu gedacht werden.


Organisiert von Lukas Wagner und getragen vom Netzwerk Slamlabor, markiert diese Landesmeisterschaft einen Wendepunkt, weil sie sich bewusst von der bisherigen Praxis löst, bei der vor allem Mitglieder eines einzelnen Vereins im Mittelpunkt standen, und stattdessen die gesamte regionale Szene einbindet, indem Veranstalter aus dem ganzen Land ihre stärksten Poetinnen und Poeten nominieren, wodurch ein Feld entsteht, das so offen, vielfältig und repräsentativ ist wie nie zuvor.

Strenges Zeitlimit

Die Regeln bleiben dabei so schlicht wie unerbittlich: keine Requisiten, keine Kostüme, kein doppelter Boden, nur ein Mikrofon, ein selbstgeschriebener Text und ein strenges Zeitlimit von sechs Minuten, in denen sich entscheidet, wer das Publikum erreicht, wer es überrascht und wer es nachhaltig beeindruckt, denn wie bei jedem echten Poetry Slam liegt die Macht nicht bei einer Jury hinter verschlossenen Türen, sondern allein bei den Zuhörerinnen und Zuhörern im Saal.


Neun der besten Poetinnen und Poeten des Landes treten an, um sich diesem direkten Urteil zu stellen, darunter Titelverteidiger Levin Bösch, der seinen Status behaupten möchte, ebenso wie eine Reihe ambitionierter Herausforderinnen und Herausforderer, die aus unterschiedlichen lokalen Szenen kommen und ihre eigenen sprachlichen Handschriften mitbringen, wodurch ein Abend entsteht, der von stilistischer Vielfalt lebt, von humorvoller Zuspitzung bis hin zu nachdenklicher, gesellschaftlich geprägter Literatur. Dabei sind Lia Hartl als Opferlamm (Teilnahme ohne Wertung), Leonie Riedmann, Daniel Geuze, Ivica Mijajlovic, Elias Wehinger, Juna Tegeltija, Jay Man / “J-Man”, Sophie Fessler sowie David Feuerstein.

Zusammenarbeit und Offenheit

Was diesen Wettbewerb besonders macht, ist nicht nur die Qualität der Texte, sondern die Energie des Moments, in dem Sprache zur unmittelbaren Begegnung wird, in dem jedes Wort Gewicht erhält und jeder Auftritt ein Wagnis darstellt, das im besten Fall in Begeisterung mündet und im schlechtesten Fall ebenso sichtbar scheitern kann, wodurch jene einzigartige Spannung entsteht, die Poetry Slam seit Jahren zu einer der lebendigsten Formen zeitgenössischer Literatur gemacht hat.

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Am Ende dieses Abends steht jedoch mehr als nur ein Titel, denn wer sich durchsetzt, erhält die Möglichkeit, Vorarlberg bei den österreichischen Meisterschaften zu vertreten, und trägt damit nicht nur den eigenen Erfolg weiter, sondern auch die Stimme einer Szene, die sich gerade neu formiert und mit diesem Abend ein starkes Zeichen für Zusammenarbeit, Offenheit und künstlerische Vielfalt setzt.

Ein Blick auf das vergangene Jahr zeigt, welche Strahlkraft von dieser Szene ausgehen kann: Bei den 18. österreichischen Meisterschaften im Poetry Slam krönte sich die damals erst 19-jährige Rankweilerin Lia Hartl zur Siegerin und schrieb damit ein bemerkenswertes Kapitel jüngerer Slamgeschichte. Mit einem scharf konturierten, zugleich fein nuancierten Text über das österreichische Bildungssystem traf sie den Nerv der Zeit, indem sie eindringlich mehr Gegenwartsbezug und ein Aufbrechen tradierter Denkmuster einforderte.