Schwerelos gegen die Schwerkraft

Kultur / 13.04.2026 • 11:27 Uhr
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Tolle Leistung von Rebecca Hammermüller und Nico Raschner.Anja Köhler

Das Landestheater präsentiert Oliver Sylvestres „Das Gesetz der Schwerkraft“.

Bregenz Dem 44jährigen kanadischen Autor und Übersetzer Oliver Sylvestre ist mit „La loi de la gravité“ – „Das Gesetz der Schwerkraft“ ein Stück gelungen, das sich mühelos emporschwingt und leicht, humorvoll, ohne Kraftausdrücke und mit einer wunderbaren Sehnsucht versehen eineinhalb Stunden wie im Flug vergehen lässt – eine Coming-of-Age-Geschichte voller Poesie und Leichtigkeit. Neben dem Text von Sylvestre ist diese Kurzweiligkeit vor allem den famosen Akteuren zuzuschreiben, die ihre Rollen perfekt verkörpern: Rebecca Hammermüller als Fred und Nico Raschner als Dom, zwei Jugendliche, laut Manuskript, beide vierzehn Jahre alt. „Dom, bei der Geburt als ‚Mädchen‘ identifiziert … Pronomen widern ihn an, aber wenn er sich unbedingt für eins entscheiden muss, dann für ‚er‘. Fred, bei der Geburt als ‚Junge‘ identifiziert … Pronomen machen ihm Angst, er will nicht mal drüber nachdenken.“

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“Das Gesetz der Schwerkraft: Leicht, humorvoll und mit einer wunderbaren Sehnsucht.Anja Köhler

Die beiden treffen sich bei den großen weißen Buchstaben, oben auf einer Klippe; unwillkürlich denkt man an die berühmten Hollywood-Buchstaben in den Hollywood Hills oberhalb des Stadtteils Hollywood in Los Angeles. Die Buchstaben auf der Bühne sollten das Wort „VORDERSTADT“ bilden, man konnte allerdings nur ein O, ein R, ein D und ein A ausmachen, daraus ließe sich das Anagramm ADOR oder auch ROAD bilden; ein perfekter Ort, ein Zufluchtsort – allerdings lässt dieser Zufluchtsort den Blick auf die Stadt auf der anderen Flussseite zu – auf jenen Sehnsuchtsort, in den sie all ihre Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte etc. projizieren. Dazwischen aber die Brücke, die sie von ihrem Sehnsuchtsort trennt. „Hey, Brücke, ich hab keine Angst vor dir!, brülle ich. Ich gehe weiter. Immer weiter. Ich bleibe nicht stehen. Bei jedem Schritt weicht die Stadt ein Stück zurück. Und dann …“, redet sich Dom ein, um sich Mut zu machen. Ob die Stadt letzten Endes jener locus amoenus sein wird, in dem sie frei von jeglichen Erwartungen der Gesellschaft sie selbst sein können, der ihnen die Freiheit gibt, zu tun und lassen, wie es ihnen gefällt, oder ob er ihnen nur aus der Ferne verführerisch zuflüstert und sich das Ganze als Chimäre erweisen wird, wird im Stück offengelassen. Man würde es ihnen gönnen.

Emotionale Aufgeladenheit

„Wir treiben oben auf einer Welle und schleudern den Leuten ein lautes Fuck you ins Gesicht.“ Die beiden schwören sich, dass sie zusammen über die Brücke gehen werden, einen Deal, bei dem es kein Zurück mehr gibt. Rebecca Hammermüller spielt grandios, ihre Tränen und ihre retardierende Art, ihre Zurückhaltung und gleichzeitige emotionale Aufgeladenheit ist schlicht ergreifend. Nico Raschners vorerst sorglose Unbekümmertheit und Teilnahmslosigkeit entwickelt sich im Laufe des Stücks step by step in eine Verliebtheit (zu Fred), die es in sich hat. Sehr gut konzipiert. Es ist eine Freude, den beiden zuzusehen. Schlussbild: beide stehen bei den Buchstaben und halten sich fest an den Händen: „Wir machen den ersten Schritt“. Viel Premierenapplaus für die beiden Protagonisten, aber auch für das Leading-Team mit Regisseur Michael Schiemer. THS