Früher Baustelle – heute Weltbühne, dieser Mann bewegt die Bregenzer Seebühne

Kultur / 21.04.2026 • 14:54 Uhr
Früher Baustelle – heute Weltbühne, dieser Mann bewegt die Bregenzer Seebühne
Der technische Direktor Wolfgang Urstadt redet gerne mit den Händen. VN/DJSHOM

Daheim in Doren knetet Wolfgang Urstadt am Sonntag Zopfteig. Wochentags baut er eine der spektakulärsten Bühnen der Welt.

Darum geht’s:

  • Wolfgang Urstadt war früher Zimmermann auf Baustellen.
  • Heute ist er technischer Direktor der Bregenzer Festspiele.
  • Urstadt vereint Handwerkskunst mit Herausforderungen einer Weltbühne.

Bregenz Wenn Wolfgang Urstadt spricht, fällt etwas sofort auf: seine Hände – sie sind im Redeeinsatz, weil er sie seltener braucht als früher. “Vielleicht rede ich deshalb so viel mit meinen Händen”, sagt er und lacht. Früher war das anders. Da stand er als Zimmermann auf der Baustelle, bei Wind und Wetter – jetzt arbeitet er hauptsächlich im Büro der Bregenzer Festspiele. “Im Winter war es mir einfach zu kalt”, sagt der gebürtige Hesse trocken. Ein Satz, der nach Zufall klingt – und doch der Anfang einer Karriere ist, die ihn bis an die Spitze eines der bedeutendsten Festivals Europas geführt hat.

Durch Zufall in eine Spitzenposition gerutscht

Urstadt, Jahrgang 1966, stammt aus der Nähe von Darmstadt. Dass er einmal technischer Direktor der Bregenzer Festspiele sein würde, war nie Teil eines Plans. “Ich wollte nie Karriere machen”, sagt er. Was ihn antrieb, war etwas anderes: die Freude am Handwerk und der Wunsch, mehr daraus zu machen. Mit Anfang zwanzig landet er eher zufällig am Staatstheater Darmstadt, arbeitet als Bühnenhandwerker, später als Bühnenmeister. Es ist der Moment, in dem sich die Richtung verschiebt.

Früher Baustelle – heute Weltbühne, dieser Mann bewegt die Bregenzer Seebühne
Das Bühnenbild von “La Traviata” beim Richtfest am 8. April 2026. Beate Rhomberg

Er bildet sich weiter, übernimmt Verantwortung, wechselt ins Musicalfach. Als ein technischer Leiter ausfällt, wird ihm plötzlich eine Schlüsselrolle zugetraut. “Das war der Start”, sagt Urstadt. Es folgen Stationen in Bremen und schließlich Graz, wo er mehr als 15 Jahre bleibt – zuerst im Schauspielhaus, dann in der Oper. Dass er heute in Bregenz arbeitet, hat wiederum mit einem dieser Zufälle zu tun, die sich durch seine Laufbahn ziehen: Die damalige Intendantin Elisabeth Sobotka holt ihn an den Bodensee.

Früher Baustelle – heute Weltbühne, dieser Mann bewegt die Bregenzer Seebühne
Die ehemalige Festspielintendantin Elisabeth Sobotka hat Wolfgang Urstadt nach Bregenz geholt. Philipp Steurer

Heute verantwortet Urstadt eine der spektakulärsten Bühnen der Welt. Seine Arbeit hat sich verändert. Vieles spielt sich am Computer ab, in Besprechungen oder in Planungsprozessen. “Das Problem liegt im Detail”, sagt er. Deshalb gehe es vor allem um eines: reden, zuhören, nachfragen. Hinter den Kulissen laufen komplexe Projektstrukturen, wöchentliche Bauleitungssitzungen, minutiöse Abstimmungen. Denn wenn sich im Sommer der Vorhang hebt, muss alles funktionieren.

Rigoletto – ein unglaubliches Meisterwerk

Ein Projekt ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: “Rigoletto”. Vier Jahre Vorbereitung, enorme technische Herausforderungen, ein enger Austausch mit dem künstlerischen Team. “Das hat mich berührt”, sagt Urstadt.

Früher Baustelle – heute Weltbühne, dieser Mann bewegt die Bregenzer Seebühne
Der Holzkern von Rigoletto – eine technische Meisterleistung, die bis heute fasziniert. Dietmar Stiplovsek

Was ihn an Bregenz fasziniert, ist nicht nur die Bühne, sondern auch das Publikum. Kaum irgendwo sonst sei Technik so sichtbar, so nahbar. Spaziergänger bleiben stehen, beobachten den Aufbau, diskutieren, rätseln, was entsteht. “Das ist etwas ganz Besonderes”, sagt er.

“Sonntags backe ich Zopf”

Privat hat Urstadt im Bregenzerwald eine neue Heimat gefunden. In Doren lebt er mit seiner Familie – insgesamt ist er Vater von fünf Söhnen, drei davon leben noch im Haus. “Man fährt vom See in die Berge und hat das Gefühl, in den Urlaub zu kommen”, beschreibt er seinen Alltag. Die Kombination aus Wasser und Alpen, aus Festivalbetrieb und Dorfleben, sei für ihn pure Lebensqualität.

Ganz losgelassen hat ihn das Handwerk nie. In seiner Freizeit baut er Möbel, arbeitet im Haus, steht in der Küche. Besonders am Sonntag wird es traditionell: Dann kommt ein selbst gebackener Zopf auf den Tisch – der Teig ruht über Nacht, am Morgen wird frisch gebacken. “Das richtige Verhältnis von Germ ist entscheidend”, sagt er schmunzelnd.

Vielleicht ist es genau diese Mischung, die Wolfgang Urstadt ausmacht: Bodenständigkeit und Präzision, Handwerk und große Bühne. Oder, wie er selbst sagt: “Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – und immer ein bisschen Lust, mehr zu machen.”

Wolfgang Urstadt

Familie: Verheiratet, fünf Söhne, zwei Enkelkinder

Hobbys: Handwerken und Küche

Geheimtipp: Zopfteig am Vorabend ansetzen

Alter: im sechzigsten