Die Vorarlberger Ikone aus Beton in Wien

Simon Veres, Heidi Horten Collection
Gottfried Bechtolds Betonporsche bringt vor der Heidi Horten Collection ein zentrales Paradox der Moderne ins Rollen.
Wien Mit 16,4 Tonnen Gewicht ist der Betonporsche von Gottfried Bechtold nicht nur eine Skulptur, sondern ein Ereignis. Ab sofort steht das berühmte Werk vor dem Eingang der Heidi Horten Collection in Wien und entfaltet dort jene eigentümliche Anziehungskraft, die ihm seit seiner Entstehung eingeschrieben ist.

Dass dieses Werk heute wie selbstverständlich als Ikone der österreichischen Gegenwartskunst wahrgenommen wird, verstellt leicht den Blick darauf, wie kühn dieser Zugriff in den frühen 1970er-Jahren war. Das Automobil war damals in der Kunst keineswegs ein etabliertes Motiv. Bechtold erinnerte daran, wie heftig der Gegenwind anfangs war. Gemeinsam mit der Galeristin Ursula Krinzinger verfolgte er seine Idee dennoch mit jener Entschlossenheit, die Pionierarbeit oft braucht. Geld war kaum vorhanden, Improvisation dafür umso mehr. Die beiden fuhren selbst zur Firma Porsche, mit dem Plan, ein originales Werbeplakat des Porsche 911 als Plakat der Ausstellung zu verwenden und einen Autokatalog mit einem Anhang als Publikation einzusetzen. Krinzinger rief kurzerhand Ferry Porsche an, worauf schließlich Plakate und Kataloge aus dem Lager geholt und in ein Auto verladen wurden, eine heute fast unwirklich anmutende Episode aus einer Zeit, in der Kunst noch mit Chuzpe und Direktheit voranging.

Im Zentrum von Bechtolds Werk steht ein Prinzip, das weit über dieses einzelne Objekt hinausweist. „Die Desoxyribonukleinsäure meiner Arbeit ist die Paradoxie“, sagt der Künstler. Tatsächlich verdichtet sich im Betonporsche genau dieses Spannungsverhältnis: Geschwindigkeit erscheint als Starre, Leichtigkeit als Masse, Mobilität als Stillstand. Gerade in dieser Umkehrung gewinnt das Werk seine bis heute ungebrochene Kraft.

Hinzu kommt, dass sich seine Bedeutung über die Jahrzehnte noch erweitert hat. Der Sportwagen war einst Projektionsfläche für Wohlstand, Aufbruch und technische Verheißung, Beton galt als moderner, flexibler Werkstoff mit Zukunft. Heute lesen wir beides anders. Der Porsche bleibt Symbol für Status und Beschleunigung, der Beton steht längst auch für die ökologischen Kosten des Bauens und für einen Werkstoff, der in der Klimakrise problematisch geworden ist. So erscheint Bechtolds Arbeit heute fast noch aktueller als zu ihrer Entstehungszeit.
Zwischen Täuschung und Realität
Dabei war das Werk nie nur Provokation, sondern immer auch ein Spiel mit Wahrnehmung, Täuschung und Realität. Bechtold hat dieses Spiel später in sogenannten Reisebildern, fotografischen Inszenierungen und anderen Werkgruppen fortgesetzt. Dass etwas nicht ganz stimmen kann und gerade dadurch zum Denken zwingt, gehört wesentlich zu seiner Kunst. Vielleicht erklärt das auch, warum der Betonporsche im öffentlichen Raum eine so unmittelbare Wirkung entfaltet: Er irritiert, amüsiert, fasziniert und bleibt im Gedächtnis.

Bechtold selbst denkt diesen Ansatz weiter bis in die Gegenwart digitaler Bildwelten. „Vor Schwierigkeiten sollte man nicht einknicken“, sagt er. Dieser Satz beschreibt auch seine Haltung gegenüber neuen Projekten, etwa dem Gedanken, als nächstes Projekt Künstliche Intelligenz mit analogen Mitteln zu überlisten. Dass sein Betonporsche nun den Eingangsbereich der Heidi Horten Collection markiert, ist mehr als eine spektakuläre Setzung. Es ist auch die späte Bestätigung für ein Werk, das aus Widerspruch, Witz und Radikalität seine Form gewann.
Kontextualisiert wird die Außenskulptur durch eine Ausstellung im Haus. Ein Film dokumentiert den technisch und handwerklich anspruchsvollen Entstehungsprozess eines Betonporsches, „die Transformation vom Werkstoff zum Kunstwerk“, wie es Kurator Rolf H. Johannsen nannte.