Wenn Kunst ihre Spuren hinterlässt

Rückkehr nach Vorarlberg: Bernhard Kathan mit Werkschau im Künstlerhaus Bregenz.
Bregenz Mit Bernhard Kathan kehrt ein Künstler, Forscher und genauer Beobachter nach Vorarlberg zurück, der sich den üblichen Kategorien des Kulturbetriebs entzieht. Der 1953 in Fraxern geborene und heute in Innsbruck lebende Kathan wurde vom Künstlerhaus Bregenz zu einer Einzelausstellung eingeladen. Vom 9. Mai bis 14. Juni zeigt er dort unter dem Titel „Zufälle. Einfälle. Fügungen“ eine Werkschau, die weniger auf abgeschlossene Kunstwerke als auf Spuren, Reste und Verdichtungen seines vielgestaltigen Schaffens setzt.

Dokumentiert werden 57 Projekte, die häufig in Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern entstanden sind, darunter Martin Breindl, Günter Gstrein, Jeannot Schwartz, Saba Skabernè, Andrea Sodomka und Günther Zechberger. Wer Gemälde, Fotografien, Objekte oder Installationen im herkömmlichen Sinn erwartet, wird rasch merken, dass Kathans Denken anders funktioniert. Zu sehen sind Artefakte von Projekten, die mit Mitteln der Kunst durchgeführt wurden, ohne zwingend als Kunst erkennbar gewesen zu sein. Viele dieser Arbeiten traten einst in sozialen Räumen, konkreten Situationen oder alltäglichen Zusammenhängen auf, oft ohne klare Urheberschaft und Erklärung. Gerade darin lag ihre Spannung. Kathans Projekte wollten sich behaupten, bevor sie gedeutet wurden. Sie wollten Wahrnehmungen verschieben, Gewissheiten stören und Reaktionen herausfordern. Im Künstlerhaus Bregenz ist diese Offenheit verändert, weil die Orte und sozialen Felder, in denen die Projekte einst wirkten, vergangen sind.
Zwischen Kunst und Wissenschaft
Kathan weiß um dieses Problem. Im musealen Kontext müsse er seinen eigenen Regeln widersprechen und Hinweise geben, etwa zur Entstehungsgeschichte der Projekte. Doch diese Rahmung könnte ermöglichen, die verstreuten Fäden seines Werks neu wahrzunehmen und Fragen freizulegen, die seine Arbeit begleiten: Was kann Kunst, wenn sie nicht als Kunst auftritt? Wie verändert sich Wahrnehmung, wenn der erklärende Text fehlt? Und welche Möglichkeiten bleiben künstlerischem Handeln in einer sich verändernden Welt?

Kathans Werk bewegt sich zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen kulturanthropologischer Forschung und künstlerischem Experiment. Er beschäftigte sich mit dem Wandel von Scherz und Todesverständnis, mit Mensch-Maschinen-Koppelungen, mit räumlichen Anordnungen zur Verhaltenssteuerung und mit der Organisation sinnlicher Wahrnehmung. Dabei interessiert ihn weniger das fertige Resultat als der Prozess, weniger das autonome Werk als das Zusammenspiel von Akteuren, Situationen und Rezipienten. Dreißig Jahre lang betrieb er in Fraxern das Hidden Museum, einen Raum, in dem Fragen modellhaft durchgespielt wurden.

Auch als Autor hat Kathan ein umfangreiches Werk vorgelegt. Bücher wie „Das Elend der ärztlichen Kunst“, „Zum Fressen gern“, „Strick, Badeanzug, Besamungsset“, „Hungerkünstler“, „Stille“ oder „Wir sehen Tiere an“ zeigen einen Autor, der gesellschaftliche Ordnungen und anthropologische Systeme genau untersucht. Dabei geht es ihm nie um schnelle Thesen, vielmehr um das beharrliche Freilegen von Zusammenhängen.
Zufälle. Einfälle. Fügungen
Martin Sexl hat Kathan in einer Laudatio einmal als jemanden beschrieben, der sich Berufsbezeichnungen entzieht: kein Schriftsteller und doch einer, der schreiben kann; kein Künstler und doch einer, der malen kann; kein universitärer Wissenschaftler und doch einer, der Wissen schafft; kein Kurator und doch einer, der kuratieren kann. Vor 200 Jahren, so Sexl, hätte man ihn vielleicht einen Gelehrten genannt. „Zufälle. Einfälle. Fügungen“ ist keine klassische Retrospektive, sondern eine Einladung, Spuren zu lesen und Kunst dort zu vermuten, wo sie sich dem vertrauten Blick zunächst entzieht.