Sechs Jahre nicht genug

Kultur / 08.05.2026 • 11:25 Uhr
Sechs Jahre nicht genug

VN-Kommentar von Walter Fink.

Am vergangenen Wochenende hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) wieder einmal seine Überlegungen zu Veränderungen in den Schulen kundgetan. Es war nicht allzu viel Neues dabei. Zusatzstunden für KI und Demokratie will er, wobei er nicht mehr dezidiert auf der Kürzung des Latein-Unterrichts besteht, von Brennpunktschulen, an denen der Deutschunterricht deutlich mehr gefördert werden müsse, ist die Rede oder auch von zusätzlichem zweitenmverpflichtendem Kindergartenjahr. Und dann noch seine Idee, die Volksschule auf sechs Jahre zu verlängern, um den Umstieg ins Gymnasium statt mit zehn dann mit zwölf Jahren zu erleichtern. Warum er dann nicht gleich die gemeinsame Schule bis vierzehn Jahren, also bis zu einem möglichen Wechsel in eine andere höhere Schule, einführen will, erschließt sich mir nicht. Denn der Umstieg mit zwölf ist ein Unding, mit vierzehn macht er Sinn. Wiederkehr ist ganz offensichtlich in das Verhaltensmuster dieser Regierung verfallen, dass eine halbe Lösung „ein Schritt in die richtige Richtung“ sei.

Entscheidend ist: Das Problem, über das gerade in Vorarlberg Elternvertreter und Lehrerinnen sowie Lehrer in der letzten Woche geklagt haben, bleibt bestehen. Wenn es nach der vieten Schulstufe um den möglichen Wechsel in ein Gymnasium geht, dann sind Eltern bereit, für ihre Kinder bis ans Äußerste zu gehen. Da werden Lehrerinnen und Lehrer bedrängt, da werden Direktorinnen und Direktoren belästigt, da bricht vor allem für die Schülerinnen und Schüler eine bis dahin möglicherweise heile Welt zusammen. Denn nun erklären ihnen die Eltern, dass jetzt „der Ernst des Lebens anfange“, dass sie jetzt unter allen Umständen den Sprung ins Gymnasium schaffen müssen. So, als wäre nur das Gymnasium der Weg in ein gutes Leben, so, als wäre eine Lehre nicht eine ebenso gute Alternative, für das Kind vielleicht sogar der viel bessere Weg.

Eines ist sicher – und von allen Pädagoginnen und Pädagogen bestätigt: Die Entscheidung ob Gymnasium oder Mittelschule kommt mit zehn Jahren viel zu früh. Die Kinder sind noch nicht so weit – nur der Ehrgeiz der Eltern ist ausgeprägt. Wiederkehrs Idee mit der sechsjährigen Volksschule ist aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Er bleibt mit seiner schulischen „Revolution“ auf halbem Wege stecken. Und zwar wortwörtlich. Sollen die Kinder dann von der sechsten Klasse Volksschule in die dritte Klasse des Gymnasiums wechseln? Sind da die Konflikte andere als zwei Jahre vorher? Mitnichten. Die Lösung bringt nur die gemeinsame Schule bis zur achten Schulstufe – und dann die Trennung in berufsbildende Schulen, Gymnasien, Lehrberufe. Dann ist Ende mit dem peinlichen Gerangel um Schulplätze in den AHS. Bestes Beispiel ist der Bregenzerwald: Dort gibt es keine Langform des Gymnasiums, dort gibt es nur das BORG Egg oder die Berufsbildenden Schulen in Bezau. Deshalb bleiben alle Kinder in der Mittelschule, die damit zu einer exzellenten Schule und nicht zu einem Ausweichquartier wird. Und dann erfolgt ganz ohne Druck der Schulwechsel in die weiterführende Schule. Herr Minister Wiederkehr sollte mal in den Bregenzerwald kommen.