Mich kriegt ihr nicht!

Kultur / 12.05.2026 • 13:11 Uhr
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Ein Zeitzeugenbericht über Flucht, Verfolgung und Hilfe in Vorarlberg.Tyrolia Verlag

Wie ein jüdischer Soldat unter falscher Identität in Vorarlberg überlebte.

Schwarzach Joseph Wisnickis „Mich kriegt ihr nicht!“ ist eines jener Erinnerungsbücher, deren Kraft aus der unbeirrbaren Genauigkeit einer Stimme kommt, die erzählen muss, weil sie überlebt hat. Der 1916 in Częstochowa geborene jüdische Soldat der polnischen Armee schrieb seine Erinnerungen 1997 unter dem Titel „My Fight for Survival“ für seine Familie nieder. Nun erscheinen sie erstmals in deutscher Übersetzung, ergänzt durch Fotos, Dokumente und historische Anmerkungen. Daraus ist ein Buch geworden, das mehr ist als ein persönlicher Bericht: ein Stück Zeitgeschichte, das den NS-Terror bis vor die Haustüre rückt.

Wisnickis Geschichte beginnt in Polen, führt über Lemberg, Fluchten, falsche Identitäten, Gefängnisse und Arbeitslager bis nach Vorarlberg und Tirol. Eindringlich ist nicht nur die Abfolge dramatischer Ereignisse, sondern die Haltung des Erzählers. Wisnicki berichtet von lebensgefährlichen Situationen mit einer Nüchternheit, die erschüttert. Er dramatisiert nicht nachträglich, er weiß, dass die Wirklichkeit grausam genug war.

Besonders stark ist das Buch dort, wo Wisnickis Odyssee in Vorarlberg ankommt. In Bludenz fand er als vermeintlich katholischer Fremdarbeiter eine Anstellung in der Gärtnerei Schaub und Unterstützung durch mutige Einheimische wie Elmar Schallert oder den ehemaligen christlich-sozialen Politiker Karl Zerlauth aus Ludesch. Er musste eine auf einem Bauernhof in Bangs bei Feldkirch geplante Flucht über den Rhein ins greifbar nahe Liechtenstein verwerfen, überstand trotz Beschneidung eine ärztliche Visitation, überlebte Gefängnisaufenthalte in Bludenz und Bregenz und schließlich auch die Internierung im Arbeitslager Reichenau bei Innsbruck, wo er zu Kriegsende durch die amerikanische Armee befreit wurde. Diese Passagen öffnen den Blick auf eine lokale Geschichte der Verfolgung. Das Verbrechen erscheint hier nicht als fernes Geschehen, sondern als Realität in vertrauten Landschaften.

Die historischen Beiträge von Dominik Markl und Niko Hofinger ordnen Wisnickis Erinnerungen ein: Polen unter Besatzung, Vernichtungskrieg, Holocaust, Zwangsarbeit, Widerstand in Vorarlberg, das Innsbrucker Lager Reichenau, Displaced Persons und Emigration. So entsteht ein doppeltes Buch: zuerst die Stimme eines Überlebenden, danach der Versuch, sie historisch zu verorten, ohne ihr die Unmittelbarkeit zu nehmen.

Auch das Nachkriegskapitel berührt. Wisnicki erzählt von Leere, vom Wiederfinden der jüdischen Identität, vom Jüdischen Komitee in Innsbruck, von der Begegnung mit Leokadia Justman, vom Wiedersehen mit seinem Bruder und von der Auswanderung in die USA. Hier wird deutlich, dass Überleben nicht mit der Befreiung endet. Danach beginnt die leisere Arbeit, sich selbst wiederzufinden.

„Mich kriegt ihr nicht!“ ist ein bewegendes und regional außergewöhnliches Buch. Es bewahrt die Erinnerung an einen Menschen, der der Vernichtung entkam – durch Mut, durch Hilfe, durch jene Geistesgegenwart, die im entscheidenden Moment über Leben und Tod entschied.