Drei Wege in die Abstraktion

Die neue Ausstellung der Hilti Art Foundation stellt Kandinsky, Herrera und Rothko in den Mittelpunkt.
Vaduz Die Ausstellung „Abstract“ rückt drei zentrale Positionen der abstrakten Kunst in den Fokus. Mit bedeutenden Neuerwerbungen von Carmen Herrera, Wassily Kandinsky und Mark Rothko veranschaulicht die Hilti Art Foundation die Entwicklung und Vielfalt der Abstraktion anhand ihrer eigenen, hochkarätigen Sammlung.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand mit der Abstraktion eine radikal neue Bildsprache: ganz auf Linien, Farben und Formen reduziert, sollte sie entschieden modern und zugleich weltweit verständlich sein. Seit ihren Anfängen hat sie sich international verbreitet und immer wieder neu erfunden. Mit über 50 Werken aus 120 Jahren veranschaulicht die Ausstellung „Abstract“ in der Hilti Art Foundation drei Wege der Abstraktion: die geometrische Konstruktion, das Lösen vom Gegenstand sowie das Entgrenzen der Form in Farbräume. Im Zentrum stehen drei bedeutende, jüngst erworbene Gemälde von Carmen Herrera, Wassily Kandinsky und Mark Rothko.
Um 1900 begannen viele Künstlerinnen und Künstler, sich zunehmend von der Natur zu lösen und von ihr zu abstrahieren. Sie vereinfachten Figuren und Gegenstände so weit, bis ihre Kompositionen schließlich nur noch aus Linien, Formen und Farben bestanden. In Deutschland suchten die Expressionisten mit leuchtenden Farben den Ausdruck eigener Empfindungen und wollten zugleich Gefühle bei den Betrachtenden hervorrufen. Wassily Kandinsky, der zur Münchner Gruppe „Der Blaue Reiter“ gehörte, prägte mit Werken wie „Improvisation 21“ von 1911 die frühe Abstraktion entscheidend. Seine von Musikalität und der Suche nach dem Geistigen bestimmte Kunst ist bis heute wegweisend.
Offene Farbräume
Nach dem Ersten Weltkrieg entfaltete sich in verschiedenen Ländern die geometrische Abstraktion. Bis heute beruht sie auf einfachen, universellen Formen ohne unmittelbaren Bezug zur sichtbaren Welt. Für Generationen von Kunstschaffenden wurde die Geometrie zum Modell einer überzeitlichen Harmonie oder einer neuen Gesellschaftsordnung. Ihre Bildgefüge aus Rechtecken, Flächen und Linien wirken rational und zugleich sinnlich, oft auch spielerisch. Statische Konstruktionen scheinen in Bewegung zu geraten, waagerechte und senkrechte Linien zu kippen und sich dennoch wieder einzupendeln, so etwa in dem Gemälde „Thrust“ von 1950 der auf Kuba geborenen Malerin Carmen Herrera.
Um 1945 begann New Yorks Aufstieg zur Kunstmetropole. Hier entwickelten die Abstrakten Expressionisten eine freie, unmittelbare Malweise und ersetzten feste Bildformen durch offene Farbräume. Wie zuvor die französischen Surrealisten wandten sie sich dem Irrationalen, dem Unbewussten und dem Mystischen zu. Der im heutigen Lettland geborene Mark Rothko fand nach figürlichen Anfängen zu einer Malerei aus schwebenden Farbfeldern. In späten Gemälden wie „No. 6 / Sienna, Orange on Wine“ bleibt der Mensch noch als Betrachter anwesend. Erfahrung und Wahrnehmung, das Ergründen des Ichs und der Welt wurden nun zu zentralen Anliegen der abstrakten Kunst.
Ein Mediaguide beleuchtet die ausgestellten Werke und ihre historischen Kontexte.