Kompromisslos feministisch, weltweit einflussreich

Die österreichische Künstlerin VALIE EXPORT ist kurz vor ihrem 86. Geburtstag gestorben.
Wien Erst vor einem Jahr wurde VALIE EXPORT im Belvedere 21 mit einem großen Fest zu ihrem 85. Geburtstag geehrt, als österreichische Künstlerin von Weltrang und als Pionierin einer Kunst, die den Körper als Ort des Widerstands und der Selbstbestimmung verstand. Ihren 86. Geburtstag am 17. Mai erlebt sie nicht mehr. Die Medien- und Performancekünstlerin, Filmemacherin und feministische Theoretikerin ist am Donnerstag in Wien gestorben.
Geboren wurde sie am 17. Mai 1940 in Linz als Waltraud Lehner. Aufgewachsen sei sie in einem „Frauenhaushalt“, sagte sie einmal: Die Mutter, eine Kriegswitwe, habe drei Töchter großgezogen und ihnen die Notwendigkeit mitgegeben, unabhängig zu werden, zu studieren, eigenes Geld zu verdienen. Daraus entwickelte sich eine Haltung, die Kunst, Gesellschaftsanalyse und Selbstermächtigung verband. Schon ihr Künstlername war Programm. 1966 schuf sie eine Zigarettenpackung mit ihrem Porträt und dem an „Smart Export“ angelehnten Namen VALIE EXPORT, verpflichtend in Versalien geschrieben, als Setzung gegen Herkunft, Ehe, bürgerliche Zuschreibung und männliche Vereinnahmung.

Nach der Klosterschule und der Kunstgewerbeschule in Linz bekam sie mit 18 Jahren eine Tochter, heiratete und brach bald mit dieser Existenz. 1960 ging sie nach Wien, studierte Textildesign und fand Anschluss an die Kreise rund um Wiener Gruppe, Art Club und „Strohkoffer“. Wegen ihres „Lebenswandels“ wurde ihr das Sorgerecht für ihre Tochter entzogen.
Körper, Geschlecht und Macht
Im Umfeld des Wiener Aktionismus, dessen Frauenbild sie ablehnte, entwickelte sie Arbeiten, die zu Ikonen feministischer Kunst wurden. Das „Tapp- und Tastkino“ von 1968, die im Schritt offene „Aktionshose Genitalpanik“ oder die Aktion „Aus der Mappe der Hundigkeit“, bei der sie Peter Weibel an einer Leine durch Wien führte, zielten nicht auf Provokation als Selbstzweck. Sie kehrten den Blick um und machten sichtbar, wie Körper, Geschlecht und Macht in der Öffentlichkeit organisiert werden.
Ihre Kunst blieb nie beim Skandal stehen. „Körper, Konzept, Medien“ wurden zu den Achsen eines Werkes, das Performance, Film, Video, Fotografie, Installation und Theorie verband. 1970 präsentierte sie in London ihre erste Videoarbeit „Split Reality“, ihre Filme „Unsichtbare Gegner“, „Menschenfrauen“ und „Die Praxis der Liebe“ wurden bei der Berlinale gezeigt. International war sie im Centre Pompidou, bei der documenta, im New Yorker MoMA und auf Festivals präsent. 1980 vertrat sie mit Maria Lassnig Österreich auf der Biennale in Venedig, 2009 kehrte sie als Kommissärin dorthin zurück.
„Ikone der Freiheit“
Auch als Lehrende wirkte VALIE EXPORT weit über Österreich hinaus. Sie war Professorin an der Hochschule der Künste Berlin und lehrte von 1995 bis 2005 Multimedia-Performance in Köln. Auszeichnungen begleiteten ihr spätes Werk, darunter der Oskar-Kokoschka-Preis, das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und der von Yoko Ono gestiftete „Courage Award for the Arts“. 2017 wurde in der Linzer Tabakfabrik das “VALIE EXPORT Center” eröffnet, ein Forschungszentrum für Medien- und Performancekunst, das mit einem Teil ihres Vorlasses arbeitet. Künftig wird sich die VALIE EXPORT Stiftung um ihr Werk kümmern.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte sie als „unbeugsame Vordenkerin“ und „Ikone der Freiheit“. Österreich verliert mit VALIE EXPORT eine Künstlerin, die sich selbst schuf und damit ihr gesamtes Werk vorwegnahm: kompromisslos, feministisch, unbequem, hellwach. Ihr Tod beendet ein Leben, nicht aber eine Wirkungsgeschichte, die weltweit weiterarbeitet.