Wenn der Kontrabass ins Licht tritt

Kultur / 15.05.2026 • 13:51 Uhr
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Marc André überzeugte mit Ivan Boumans’ „Concerto for Double Bass“ auf ganzer Linie.Julian Konrad

„Concerto for Double Bass“ mit Marc André als Höhepunkt eines Konzerts, das auch bei Debussy und Tschaikowski überzeugte.

Schaan Manchmal beginnt ein Konzert nicht mit einem Ereignis, sondern mit einem Atemzug. In Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune” ist dieser Atemzug berühmt – jene frei schwebende Flötenlinie, die sich aus der Stille löst, als wolle sie nicht erzählen, sondern erinnern; nicht führen, sondern verführen. Besonderen Glanz erhielt dieser Beginn durch die Vorarlbergerin Gabriele Ellensohn-Gruber, die an der Querflöte den ersten entscheidenden Akzent des Abends setzte. Sie formte die Linie mit feinem Gespür für Farbe und Schwebe. Gerade darin lag die Qualität dieses Debussy: Die Musik durfte atmen, sich öffnen und wieder verdämmern, während Sebastian Lang-Lessing das Orchester zu einem durchlässigen Klangkörper formte.

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Dirigent Sebastian Lang-Lessing, Komponist Ivan Boumans und der Solist des Abends Marc André.Julian Konrad

Der eigentliche Höhepunkt des Abends aber war die Welturaufführung von Ivan Boumans’ „Concerto for Double Bass“, geschrieben für den jungen Kontrabassisten Marc André. Schon die Besetzung versprach eine reizvolle Verschiebung der gewohnten Perspektiven, denn der Kontrabass steht im Orchester meist dort, wo die Dinge grundiert, gehalten und getragen werden, selten dort, wo sie glänzen dürfen. Boumans aber holt dieses große, dunkle Instrument konsequent aus dem Schatten, ohne ihm seine Eigenart zu nehmen. Er schreibt keine bloße Virtuosenprobe, kein Effektstück, das nur beweisen will, was technisch möglich ist, sondern ein dreisätziges Konzert, das den Kontrabass als erzählende, singende, rhythmisch wendige und farblich erstaunlich reiche Solostimme ernst nimmt.

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Julian Konrad

Das Werk führt durch drei Städte: Wien, Paris und New York. In „Wien, Im Glanz der Zeiten“ schimmert Elegantes, Erinnerungstrunkenes, stellenweise beinahe Tänzerisches auf. „Paris, Ombres et Lumière“ lebt von weicheren Übergängen, Lichtwechseln und lyrischen Bögen, in denen Marc André den Kontrabass mit verblüffender Kantabilität singen ließ. „New York, Sleepless Pulse“ brachte Energie, nervöse Bewegung und urbane Spannung ins Spiel.

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Julian Konrad

Marc André, dem Vorarlberger Publikum bestens bekannt dank seines Auftritts mit dem Symphonieorchesters Vorarlberg, erwies sich als idealer Anwalt dieses neuen Werks. Sein Ton besitzt Wärme, Kern und Geschmeidigkeit, dazu jene seltene Fähigkeit, auch in der Virtuosität nie angestrengt zu wirken. Er zwang das Instrument nicht in die Maske einer Geige oder eines Cellos, er zeigte seine eigene Würde: dunkel, beweglich, sanglich, manchmal melancholisch, dann wieder überraschend leicht. Besonders beeindruckend war, wie selbstverständlich André lange Linien spannte und wie präzis er die raschen Passagen artikulierte.

Ein Abend von großer Spannweite

Auch Orchester und Dirigent hatten entscheidenden Anteil daran, dass die Uraufführung gelang. Sebastian Lang-Lessing hielt die Balance sorgfältig, ließ den Solisten nie im Klang verschwinden und gab Boumans’ Partitur den nötigen Raum, ihre Farben auszubreiten. Das Sinfonieorchester Liechtenstein spielte aufmerksam, flexibel und mit Lust an der neuen Musik.

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Julian Konrad

Nach der Pause folgte mit Tschaikowskis Vierter Symphonie in f-Moll ein monumentaler Gegenpol. Lang-Lessing nahm das Schicksalsmotiv zu Beginn markant, aber nicht grob, und entwickelte daraus einen weit gespannten Bogen. Die Ausbrüche des ersten Satzes besaßen Wucht, die lyrischen Passagen ausreichend Raum, der zweite Satz berührte durch seine Innigkeit, während das Pizzicato-Scherzo mit federnder Präzision gelang. Im Finale entfaltete das Orchester Energie, in der Jubel und Abgrund bei Tschaikowski so nahe beieinanderliegen.

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Am Ende stand ein Konzert, das Vergangenheit und Gegenwart überzeugend miteinander verband. Debussys schwebende Klangwelt, Boumans’ farbenreiches neues Kontrabasskonzert und Tschaikowskis Symphonik ergaben einen Abend von großer Spannweite.