Die Kunst der Polaritäten

Sechs Künstlerinnen erkunden in der Villa Claudia die produktive Kraft der Gegensätze.
Feldkirch In der Villa Claudia geraten die Dinge ins Schweben. Was schwer scheint, wird leicht, was fest gefügt wirkt, beginnt zu kippen, was sich als Gegensatz behauptet, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Beziehung. Unter dem Titel „Im Spannungsfeld der Gegensätze“ zeigt KunstVorarlberg von 22. Mai bis 21. Juni Arbeiten von Heidi Comploj, Birgit Konzett, May-Britt Nyberg, Dorothea Rosenstock, Anna Rubin und Renate Wittwer. Sechs Künstlerinnen nähern sich einem Thema, das weit über formale Fragen hinausreicht. Denn Gegensätze sind nicht bloß Widersprüche. Zwischen ihnen entsteht jener Raum, in dem Wahrnehmung und Lebendigkeit in Bewegung geraten.

Die Ausstellung versteht Polaritäten als künstlerische Energiequelle. Materialität und Täuschung, Statik und Schwebe, Leichtigkeit und Schwere, Transparenz und Verdichtung werden als Kräfte gezeigt, die einander bedingen. Bilder, Skulpturen und Installationen entfalten ein Nachdenken über Balance und Wandel.
Bei Heidi Comploj bilden Hell und Dunkel, transparent und opak, oben und unten ein zentrales Prinzip. Stabilität und Instabilität bleiben keine festen Zustände. Ausrichtung, Umkehr und Verschiebung werden Teil eines Prozesses. Das Schwebende berührt das Fallende, das Helle trägt das Dunkle. Comploj nimmt das Zufällige und scheinbar Unscheinbare auf und führt es in eine neue Ordnung.

Birgit Konzett lotet mit skulpturalen Würfelformen und grafischen Arbeiten das Verhältnis von Struktur und Fragilität aus. In Draht- und Stahlkuben sowie in den Bildern treten Kontrolle und Nachgiebigkeit einander gegenüber. Material, Farbe und Bewegung verweisen auf Verletzlichkeit, Durchlässigkeit und eine fragile Balance zwischen Erhalt und Gefährdung. Die aus Dänemark stammende und in Feldkirch lebende May-Britt Nyberg richtet den Blick auf die Fragilität unseres Ökosystems. Eine monumentale Garnele aus Pappmaschee und eine schwebende Installation aus zwanzig Walen verkehren die Machtverhältnisse der Wahrnehmung. Was klein oder fern scheint, wird groß und dringlich. Vierzig keramische Vogelfüße mit schwarzen Federn führen dieses Spiel fort. Nybergs Objekte verbinden Ästhetik und Ökologie und erzählen von der Zerbrechlichkeit der Meere.

Dorothea Rosenstock arbeitet mit finnischem Papiergarn und Baumwolle. Baumwolle fällt gerade und macht die Schwerkraft sichtbar, eng gewebte Strukturen erzeugen Stabilität, während hängende Fäden und Kordeln Momente des Nachgebens und der Entspannung markieren. Rosenstock spielt mit Erschöpfung, Durchhängen und Halt. Fotografien von Christa Engstler erweitern den materiellen Horizont.
Produktive Spannungen
Anna Rubin arbeitet mit farbigem Papier. Temperatur, Windrichtung, Formationen und Topografien werden zu Impulsen ihrer Bildfindung. Gespannte, mit Tusche gefärbte Papierflächen skizzieren Berglandschaften, in denen es um Tragen und Abheben, um Schweben und Anwesenheit geht. Der Weg trägt, während Leichtigkeit den Raum umgibt.

Renate Wittwer untersucht Gegensätze über Farbe, Material und Gewichtung. Transparente Materialien, Fotografien, Stoff und Leinwand begegnen einander vor allem in Schwarz und Weiß. Dabei entstehen Dichotomien, die nicht verhärtet, sondern geöffnet werden. Wittwer sucht weniger das Trennende als das Verbindende. Überarbeitete Fotos, malerische Dialoge zwischen Schwarz, Weiß und Grau sowie Arbeiten mit verdichtetem politischem Zeitungsmaterial und Schnittmustern machen Erinnerung und Gegenwart als Schichten sichtbar.
So zeigt diese Ausstellung Gegensätze nicht als starre Fronten, sondern als produktive Spannungen. Wo sie sich berühren, beginnt die Vorstellungskraft.
IM SPANNUNGSFELD DER GEGENSÄTZE
KunstVorarlberg, Villa Claudia, Feldkirch
22.05.-21.06.2026
Eröffnung: 22.05., 19.00 Uhr. Einführung: Eugen Fulterer
Fr 16-18, Sa 15-18, So 10-12 und 15-18