Sebastian Bohren lässt Schumann leuchten

Der Schweizer Violinist überzeugte mit einer noblen Interpretation von Robert Schumanns selten gespieltem Violinkonzert.
Vaduz Beim TAK Vaduzer Weltklassik-Konzert wurde am vergangenen Wochenende ein Programm geboten, das mehr war als eine Abfolge dreier berühmter Namen. Haydn, Schumann, Beethoven, das hätte nach sicherem Repertoire klingen können. Doch das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Enrico Onofri verwandelte den Abend in eine spannende Klangreise, die von der Schöpfung über die Einsamkeit eines lange verkannten Solokonzerts bis zu Beethovens Fünfter führte.
Schon Haydns „Vorstellung des Chaos“ aus der „Schöpfung“ öffnete den Raum mit großer Aufmerksamkeit für das Unbestimmte. Onofri, der als Barockgeiger und Dirigent ein feines Gespür für rhetorische Gesten besitzt, ließ diese Musik nicht als bloßes Vorspiel erscheinen, sondern als tastendes Erwachen. Die Harmonien schienen sich zu suchen, die Linien formten sich aus einem Zustand des Schwebens, die Einsätze kamen mit jener Spannung, die entsteht, wenn ein Orchester auf die Melodie zu horchen versteht.
Wache Gestaltungskraft
Im Zentrum stand Robert Schumanns selten gespieltes Violinkonzert d-Moll, ein spätes Werk, über dem lange der Schatten seiner Entstehungsgeschichte lag. Schumann schrieb dieses Konzert in einer Phase, in der sein Leben bereits von innerer Unruhe, gesundheitlichen Krisen und wachsender Vereinsamung gezeichnet war; nur wenige Monate später, im Februar 1854, stürzte er sich in den Rhein, danach wurde er in die Heilanstalt Endenich gebracht, wo er 1856 starb. Sebastian Bohren rückte diese Musik mit Entschiedenheit ins Licht und zeigte, dass dieses Konzert nicht nur von Innigkeit, sondern auch von virtuoser Energie und großer solistischer Präsenz lebt. Die Geige behauptete dabei selbstbewusst den Mittelpunkt des Geschehens. Bohren spielte mit technischer Souveränität, leuchtendem Ton und wacher Gestaltungskraft; er nahm die Brüche und Eigenheiten des Werks ernst, ohne sie zu glätten, und verlieh der Solostimme jene Spannung, die zwischen romantischem Ausdruck, konzertanter Brillanz und ernstem Dialog mit dem Orchester entsteht.
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Bohren besitzt einen Ton, der Tragfähigkeit und Noblesse verbindet. Im ersten Satz blieb sein Spiel konzentriert, schlank geführt und doch von großer Intensität; die Passagen wirkten aus der musikalischen Entwicklung heraus begründet. Besonders eindrucksvoll gelang der langsame Satz, in dem Bohren die sangliche Linie mit schlichter Wärme und großer Ruhe entfaltete. Da wurde nichts überzeichnet, nichts sentimental ausgestellt. Die Schönheit entstand aus Maß, Geduld und Vertrauen in Schumanns verletzliche Sprache. Auch im Finale fand Bohren den richtigen Charakter: energisch, rhythmisch wach, nie grob zugespitzt.
Sensibilität und Mut
Nach der Pause wurde Beethovens 5. Sinfonie mit bemerkenswerter Frische musiziert. Onofri setzte auf klare Konturen, geschärfte Akzente und ein Tempoempfinden, das die berühmten Motive von musealem Staub befreite. Das Münchener Kammerorchester zeigte, wie viel Energie aus schlanker Besetzung erwachsen kann.
Der Höhepunkt aber war Sebastian Bohrens Schumann: eine Interpretation, die zeigte, wie stark diese Musik sein kann, wenn man ihr mit Ernst, Sensibilität und Mut begegnet.