Eine etwas andere Reisegruppe im etwas anderen Wald: Ein Tag auf dem Ikarus

50 tanzbegeisterte Vorarlberger machten sich mit dem Techno-Bus auf zu einem besonderen Festival.
Memmingen „How much is the fish?“ Kinder der 90er kennen die Antwort auf diese Frage zwar bis heute nicht. Die Frage selbst aber ist längst Popkultur. H. P. Baxxter, mittlerweile 62 Jahre alt und noch immer irgendwo zwischen Wahnsinn, Sonnenbrille und Dauer-Ekstase unterwegs, brüllte die legendären Worte am Wochenende wieder in die Nacht hinaus. Tausende Menschen schrien zurück. Und irgendwo mittendrin: eine Reisegruppe technobegeisterter Vorarlbergerinnen und Vorarlberger, die sich auf eine etwas andere Konzertfahrt begeben hatte.


Samstag, 13 Uhr, in Rankweil. Ein weißer Bus rollt vor, gut gelaunte junge Menschen steigen ein. Im Gesicht Vorfreude, im Ohr längst den Bass, im Gepäck nur das Nötigste. Das Ziel: der alte Militärflugplatz in Memmingen. Dort steigt mit dem Ikarus eines der größten Elektrofestivals Deutschlands.
Seit 2022 fährt der Reisebus aus Vorarlberg zu Techno-Events. Den Anfang machte die Street Parade, ein Jahr später kamen das Contact-Festival und das Ikarus dazu. Hinter den Konzertfahrten stecken die Oberländer Julian (28) und Pat (38). Sie bringen die Vorarlberger allerdings nicht nur zur Musik. Eigentlich versuchen sie seit Jahren das Gegenteil: Techno nach Vorarlberg zu holen.

Die beiden gründeten einst den PT-Tanzclub. PT steht für „Private Techno“. „In Vorarlberg gibt es nur wenige leistbare Techno-Events. Oft sind sowohl die Ticketpreise als auch die Getränkekosten extrem hoch. Deshalb wollten wir eine Alternative schaffen“, erzählen sie. Das Ziel: Techno für junge Menschen zu leistbaren Preisen: „Ein fairer Eintrittspreis deckt die Veranstaltungskosten, Getränke sind bereits inklusive.“
Erfahrene Festivalgänger wissen allerdings: Auf Europas großen Festivals geht diese Rechnung längst nicht mehr auf. Die Preise für Bier, Wasser, Mixgetränke sind nahe an der Schmerzgrenze. Und ob Parken oder Shuttlebus, alles kostet extra. Vielleicht also tatsächlich keine schlechte Idee, direkt mit dem Bus aus Vorarlberg anzureisen. Und dann landet man also beim Ikarus.

Die Geschichte auf der Mainstage ist dabei schnell erzählt: harte Worte von Ikkimel, eine Zeitreise mit Scooter, Frauenschwarm Bunt., dazu Feuerwerk und ein Meer aus Handylichtern. Es ist ausverkauft. Und die Menschenmassen vor der Hauptbühne samt teils chaotischen Zuständen zeigen: Mehr Leute hätten hier wirklich keinen Platz mehr gefunden.
Also ab in den Wald.
Dort wird das Ikarus plötzlich zu etwas anderem. Von acht Bühnen liegen drei mitten zwischen den Bäumen. Das riesige Festival fühlt sich auf einmal erstaunlich intim an. Menschen tanzen zwischen Lichtinstallationen, Nebel und Basswellen, feiern die DJs, die Musik und auch ein bisschen sich selbst.


Nicht nur die Medusa-Stage mit ihrer spektakulären Beleuchtung sorgt dabei für Gänsehaut. Besonders der Onos Shelter entwickelt sich heuer zum heimlichen Star des Festivals. Die Bühne bringt ein Stück alte DJ-Kultur zurück: Der Künstler steht nicht entrückt über der Menge, sondern mitten in ihr. Als Teil der Feier.
Dort entsteht in der Nacht auf Sonntag einer dieser Momente, die man nur schwer erklären kann. Die Gebrüder Brett jagen ihren harten Sound durch den Wald, Laser schneiden durch die Dunkelheit, irgendwo schreit jemand vor Euphorie und plötzlich mischt sich ein Backstreet-Boys-Song zwischen die Bässe. Spätestens da kapituliert auch der letzte Rest Würde. Aber genau darum geht es vermutlich.

Die 50 Vorarlbergerinnen und Vorarlberger aus der Reisegruppe gönnen sich noch ein paar Stunden zwischen Bass, Wald und Ausnahmezustand. Um 4 Uhr morgens setzt sich der weiße Bus wieder in Bewegung. Um 6 Uhr sind alle zu Hause.
Müde. Manche mit Tinnitus. Aber glücklich.


